München. Nach dem Wahlsieg der Grünen in Baden-Württemberg sahen Kritiker schon den Untergang der Autoindustrie in ihrem Stammland – und prompt gab der künftige Ministerpräsident solchen Befürchtungen neue Nahrung: „Weniger Autos sind natürlich besser als mehr“, sagte Winfried Kretschmann – und provozierte einen Sturm der Empörung. ZDK-Präsident Robert Rademacher bleibt gelassen: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch unter einer grün-roten Landesregierung Pragmatismus letztlich Vorfahrt vor ideologischen Spiegelfechtereien haben wird. Denn jede Landesregierung, gleich welcher Couleur, wird sich sehr schnell der Bedeutung der Automobilindustrie nicht nur für Land und Leute, sondern auch für das eigene Schicksal bewusst werden.“ Rademacher repräsentiert als Chef des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe rund 38.000 Autohäuser und Werkstätten, von denen knapp die Hälfte fabrikatsgebunden ist.
Wolfsburger Dominanz
Im Daimler-Heimatland Baden- Württemberg sind traditionell besonders viele Arbeitsplätze mit der Autoindustrie verbunden – und natürlich auch mit großen Händlern wie der Stuttgarter Emil-Frey- Gruppe, die auch in diesem Jahr das Top-100-Ranking anführt. Die Mehrmarken-Handelsgruppe hat sich 2010 – gemessen an den verkauften Neuwagen – erneut Platz eins unter den Top-Händlern gesichert – wenngleich die Verkaufsbilanz im Nachprämienjahr 2010 fast 11.000 Neuwagen weniger auswies als 2009.
Auch der Zweitplatzierte, die Augsburger AVAG, bezahlte die Rückkehr zur automobilen Normalität mit fast 7000 Neuwagen-Einheiten weniger. Auf der anderen Seite bescherte das Jahr 2010 vor allem den Vertragspartnern der Premiummarken wieder höhere Verkaufszahlen, sodass vor allem BMW- und Mercedes-Händler im Ranking deutlich aufholen konnten. Zum Beispiel wanderte die Lueg-Gruppe um drei Plätze auf Rang acht vor, die Bamberger Markenkollegen von der Scholz-Gruppe verbesserten sich von Platz 45 auf 32. Und der Düsseldorfer BMW-Partner Cloppenburg machte zwölf Plätze (von 48 auf 36) gut.
Stark vertreten ist aktuell die Marke Volkswagen im Spitzenfeld des Rankings: Allein unter den Top-20-Händlern rangieren zwölf Gruppen, die das Wolfsburger Fabrikat im Portfolio haben. Spitzenreiter ist dabei die Ratinger Gottfried- Schultz-Gruppe auf Platz drei, die 2010 mit knapp 23.000 verkauften Neuwagen nur rund 1000 Einheiten weniger als im Prämienboom-Jahr 2009 unters Volk brachte. „Es ist interessant, dass unter den Top-Gruppen VWHändler dominieren, während gleichzeitig der Hersteller sein Eigen-Retailgeschäft in den vergangenen Jahren ausgebaut hat“, sagt Willi Diez, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA), das die Top-100-Erhebung jedes Jahr durchführt. „Hier zeichnet sich eine gewisse Verschiebung der Marken ab“, so Diez weiter.
Insgesamt hat sich 2010 die Zahl der Autohäuser und Werkstätten pro Gruppe erhöht, ergab die diesjährige Analyse der Top 100 – von durchschnittlich 13 auf 14,5 Betriebe. Diese regionale Expansion der Handelsunternehmen durch zusätzliche Standorte vollzieht sich gegenläufig zur Entwicklung der Händlerzahl, das heißt, tendenziell haben immer weniger Unternehmen immer mehr Betriebe. Dabei wachsen die Gruppen nach Aussage von IFA-Direktor Diez sowohl durch eigene Eröffnungen als auch durch Übernahmen von Wettbewerbern.
Auch die Zahl der vertretenen Marken unter den Top-100-Händlern ist im vergangenen Jahr gestiegen. Während die Gruppen im Jahr 2009 im Schnitt vier Marken im Portfolio hatten, sind es mittlerweile fünf Fabrikate. Besonders Opel-Vertragspartner waren hier vor dem Hintergrund der Turbulenzen bei der Mutter General Motors sehr aktiv, weiß Diez. Als symptomatisch kann sicher die AVAG gelten, die 2009 mit der Aufnahme von Ford ihre Strategie der Risikoverteilung einläutete und das Geschäft mit der Kölner Marke seither kontinuierlich ausgebaut hat.
Aktuell verkaufen die Augsburger mit ihrer Traditionsmarke Opel allerdings immer noch etwa zehnmal so viel wie mit Ford. „Wir sind sicher in manchen Märkten im Volumen mit Opel so weit, dass der Hersteller sich Gedanken macht, ob es sinnvoll ist, uns noch mehr Volumen zu übertragen“, sagt AVAG-Aufsichtsratschef Albert Still. „Wenn wir dann Wachstum wollen, müssen wir zwangsläufig über Alternativen nachdenken. Im Moment ist Ford eine solche Alternative. Ob es die einzige bleibt, da möchte ich mich nicht festlegen.“ Derzeit gehören elf Marken zum AVAGPortfolio, die Hamburger Kollegen von der Krüll-Gruppe kommen auf zwölf Fabrikate, ebenso die Dresen-Gruppe in Neuss. Spitzenreiter bei der Markenvielfalt ist indes die Emil-Frey-Gruppe mit 17 Marken – allerdings ohne Opel.