München. Ein grüner Ministerpräsident im Autoland Baden-Württemberg – das verspricht interessant zu werden. Nun erscheint einem Winfried Kretschmann als veritable und integre Persönlichkeit. Kein Fundi, sondern ein Realpolitiker. Doch Herr Kretschmann und sein schwacher Koalitionspartner, die SPD, dürften auch nicht das Problem sein, sondern die grünen Träumer und Idealisten, die in seinem Kielwasser an die Ruder der Macht geschwommen sind. Ein Blick ins grüne Wahlprogramm und Äußerungen grüner Politiker zum Thema Automobilindustrie lassen für die nahe Zukunft nichts Gutes ahnen. Da heißt es, in Baden-Württemberg große Luxusautos zu bauen und diese dann nach China zu verkaufen, sei kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Nachhaltig vielleicht nicht, aber sehr erfolgreich, wie die jüngsten Bilanzen von Daimler, Audi und Porsche zeigen. Nun müssen sich die genannten Unternehmen zunächst keine großen Sorgen machen: Die Chinesen werden nicht die badenwürttembergische Landesregierung um Erlaubnis fragen, ob sie weiterhin S-Klasse oder A8 fahren dürfen.
In Peking, 2000 Kilometer westlich von Fukushima, interessiert man sich ja nicht mal für die Atomausstiegshysterie hierzulande, geschweige denn für grüne Verkehrspolitik. Und wo steht eigentlich in der Verfassung, dass die Landesregierung die Modellpolitik der Autobauer bestimmt? Das letzte im Staatsauftrag gebaute Auto in Deutschland hieß Trabant und war nicht gerade ein Exportschlager.
Noch interessanter sind die Bemerkungen im grünen Wahlprogramm an die Adresse der extrem erfolgreichen Zulieferer im Ländle: Die sollten sich doch bitte vom Autogeschäft verabschieden und sich lieber der Umwelt- oder Medizintechnik zuwenden. Beides sind sicher Zukunftsbranchen. Doch sollte den Grünen jemand sagen, dass es kaum eine Branche mit derart großen globalen Wachstumschancen gibt wie die Automobilindustrie: 64 Millionen Autos wurden im vergangenen Jahr weltweit gebaut. In zehn Jahren dürften es über 100 Millionen sein – vor allem für Märkte wie China, Indien, Nord- und Südamerika, Russland. 90 bis 95 Prozent davon werden mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet sein. Ich weiß nicht, ob Herr Kretschmann in zehn Jahren noch an der Regierung ist. Ich weiß nur: Diese Autos werden gebaut, mit oder ohne Baden-Württemberg.