Stuttgart. Der Bedarf an Chips im Auto dürfte in den kommenden Jahren stark zulegen und die Anforderungen an die Halbleiterhersteller steigen lassen. Der automobile Halbleitermarkt wird von 23,7 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr auf 26,3 Milliarden Dollar in diesem Jahr zulegen, wie Ian Riches, Director Global Automotive Practice beim Analystenhaus Strategy Analytics, prognostiziert. Für 2019 rechnet er sogar mit einem Marktvolumen von mehr als 40 Milliarden Dollar. Die rasante Entwicklung des automobilen Halbleitermarkts speist sich – neben dem steilen Anstieg der Pkw-Zahlen in den Schwellenländern – vor allem aus drei Quellen. „Haupttreiber sind die Faktoren Sicherheit, effizienteres Fahren sowie Komfort und Infotainment. Angesichts der enormen Opferzahlen – die Weltgesundheitsorganisation zählt 1,3 Millionen Verkehrstote pro Jahr – sind Investitionen in wirksame Sicherheitssysteme absolut vorrangig“, so Jörg Schambacher, Manager Embedded Processing Automotive bei Texas Instruments.
Sein Kollege Uwe Fuhrmann ergänzt: „Reduzierungen des Verbrauchs und die Einhaltung von gesetzlichen CO2-Grenzwerten kommen als wichtige Entwicklungsziele hinzu. Nicht zuletzt möchte der Endverbraucher zunehmend sein privates Umfeld aus der Entertainment- und Kommunikationswelt ohne Brüche ins Auto übertragen können.“ Fuhrmann ist der Ansicht, digitale Media- Anwendungen aller Art würden beim Autokauf vorausgesetzt, daher seien Technologien wie Wi-Fi, Wireless USB, Flash Cards und Bluetooth heute bereits in vielen Fahrzeugen Standard. Den automobilen Chip-Markt teilen sich seit Jahren einige internationale Schwergewichte.Über alle Anwendungen hinweg kommen Renesas Electronics, Infineon, STMicroelectronics, Freescale und NXP als die Top 5 auf 47 Prozent des Marktes, wobei Renesas laut Strategy Analytics mit einem Marktanteil von 14 Prozent klar in Führung liegt. Knapp hinter diesen Platzhirschen dürfte Autozulieferer Robert Bosch liegen, der im März 2010 mit einer Investition von 600 Millionen Euro eine neue Chip- Fabrik für automobile Anwendungen in Betrieb genommen hat. Neu im Autogeschäft ist der USHalbleiterhersteller Intel, der seit diesem Jahr Infotainmentchips anbietet, die derzeit bei BMW und bald auch bei Mercedes zum Einsatz kommen. Dennoch ist Analyst Riches skeptisch, was neue Anbieter im Automobilsegment angeht: „Im Infotainment- Bereich hinsichtlich HD-Grafik, Video und Mensch-Maschine-Interface kann es den einen oder anderen neuen Player geben, wie man an Nvidia sieht. Bei den traditionellen Automotive-Anwendungen wie Powertrain, Chassis und Sicherheit machen es die äußerst strengen Anforderungen der Automobilindustrie hinsichtlich Temperaturbeständigkeit und Qualität Newcomern aber sehr schwer – und sehr kostspielig –, auf dem Markt Fuß zu fassen.“Wie sich die Halbleiter-Nachfrage entwickeln wird, hängt stark von den Automärkten selbst ab – und hier ist Unwägbarkeit der neue Normalzustand. „Seit 2010 werden mehr als 50 Prozent der jährlich weltweit produzierten Pkw in den Schwellenländern abgesetzt. Und das Wachstum der globalen Absatzzahlen verlagert sich immer mehr in diese Länder. Bis 2015, so sehen wir es jedenfalls heute, werden 80 Prozent der jährlichen Absatzsteigerung auf diese Länder entfallen. Während sich der amerikanische Markt erholt, hat die Schuldenkrise in Europa negative Einflüsse auf die Nachfrage. Die künftige Balance dieser Entwicklungen ist nicht eindeutig zu prognostizieren“, sagt Stephan Lehmann, Director Global Automotive Marketing beim Branchenschwergewicht Freescale: Alle Faktoren eingerechnet, prognostizieren Experten derzeit ein jährliches Wachstum von je zehn Prozent bei Powertrain-, Infotainment- und Sicherheitstechnologie.Markt für Halbleiter im Auto wächst rasant
Bei allen positiven Wachstumsperspektiven – ein leichter Weg wird es für die Chip-Hersteller nicht werden. Eine ganze Reihe von Anforderungen verlangt nach ständiger Innovation. Die größten technologischen Herausforderungen sieht Michael Hannawald, Marketingleiter Automotive von Renesas Europe, in den Megatrends CO2-Reduktion und vernetzte Gesellschaft, die sich in spezifischen Anforderungen im Automobilsektor spiegelt. Dazu zählten ein extrem niedriger Stromverbrauch als generelle Basisanforderung für alle Automotive-Halbleiterprodukte sowie applikative Trends wie Elektromobilität und die damit verbundenen infrastrukturellen Lösungsansätze, autonomes Fahren, der Trend zu zentralen Hochleistungs- ECUs (Mikrocontroller), HMI-Fahrzeugbedienungskonzepte und die Car-to-Car beziehungsweise Car-to-X-Kommunikation, erklärt Hannawald.
Zu den Chip-Konzepten gehört die verstärkte Nutzung eines modularen Ansatzes, der es erlaubt, unterschiedliche neue Funktionen oder Updates möglichst schnell und kostengünstig zu integrieren. Hinzu kommt eine schnell wachsende Bedeutung der Software, die die Funktionen steuert und damit für zusätzliche Intelligenz sorgt. Ian Riches von Strategy Analytics sieht noch eine weitere Herausforderung auf die Branche zukommen: „Um alle Wachstumsregionen bedienen zu können, müssen die Halbleiterhersteller in High-End- und High-Performance- Lösungen für den europäischen, amerikanischen und japanischen Markt investieren und gleichzeitig den Markt der Schwellenländer mit kosten- und leistungsoptimierten Lösungen versorgen.“ Es gibt also viel zu gewinnen für die Branchengrößen – aber auch viel zu tun.