Wolfsburg. Wenn Jules Verne, der technikgläubige Romancier aus dem 19. Jahrhundert, das noch hätte erleben dürfen: Neuwagen des Typs VW Passat, eben im norddeutschen Werk Emden vom Band gelaufen, werden sogleich auf Spezialschiffe verladen und kommen wenige Tage später im südeuropäischen Bestimmungshafen an, wo sie nach kurzem Check zum Händler rollen. Oder die "Luft-Nummer" von Porsche in Leipzig: Auf dem Airport in der Nachbarschaft der Endmontagefabrik werden selbst die schwersten Cayenne-Geländewagen in große Flugzeuge gehievt und kurzerhand an besonders ungeduldige Abnehmer in Übersee verfrachtet.
"In achtzig Tagen um die Welt"? Als Beobachter von Logistikspezialisten im 21. Jahrhundert hätte Verne den Titel seines utopischen Abenteuerbuchs, das um cleveres Zusammenwirken verschiedenster Experten und Verkehrsträger kreist, wohl erheblich zugespitzt. In acht Tagen rund um die Welt und bis in die entferntesten Winkel der aufstrebenden Automotive-Nationen China, Indien oder Brasilien - das kommt den heutigen Anforderungen an das sogenannte Supply-Chain-Management (SCM) wesentlich näher. Nicht nur bei VW und Porsche.
"Die Logistik wird in der Fahrzeugindustrie immer wichtiger - aber eben auch komplexer und zunehmend international", bestätigt Johannes Walther, Leiter des Instituts für Produktionsmanagement (IPM) in Hannover, das die komplizierten Lieferketten der Pkw-Branche auf Schwachstellen analysiert.
Ob beim Neuwagenhandel, in der Versorgung mit dringend benötigten Ersatzteilen oder bei der Übernahme ganzer Fertigungssequenzen durch externe Dienstleister - kaum ein anderer Sektor des Automobilbaus ist derzeit so einschneidenden und zahlreichen Änderungen der bisher gültigen Geschäftsmodelle unterworfen wie die Logistik.
Kein Wunder also, dass Walther beim "Industrieforum Wolfsburg", dem er als Professor der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel vor wenigen Tagen bereits zum neunten Mal vorsaß, wieder regen Zulauf erhielt. "Die Automobilindustrie auf dem Weg zur globalen Netzwerkkompetenz" lautete das diesjährige Kongressmotto. Da bewährte Fallbeispiele rund um das Knüpfen tragfähiger und weltumspannender Logistikkonzepte für Zulieferer, OEMs und Autohändler gleichermaßen von Interesse sind, zog das praxisorientierte Forum mehr als 400 Besucher an.
Die "rasant wechselnden Markt- und Wettbewerbsbedingungen für die Auto-Logistik" sind für Keynote-Speaker Uwe-Karsten Staedter die Herausforderungen der Zukunft. Als Leiter Konzernbeschaffung Elektrik/Elektronik der Volkswagen AG sitzt der Manager nicht nur direkt an den Schnittstellen eines weltweit agierenden Autoherstellers, Dutzender Zulieferer und des Handels. Hightech-Elektronik hat überdies "besonders kurze Produktlebenszyklen" (Staedter), was die Lieferketten zusätzlich enorm belastet.