Herr Haug, ab 2009 erlaubt die FIA die Rückgewinnung von Bremsenergie in der Formel 1, ähnlich wie bei Hybrid-Fahrzeugen. Trägt das zur weiteren Effizienz der Fahrzeuge bei oder treibt das nur wieder die Kosten?
Wenn es eine Technologie gibt, deren Kosten in einem vernünftigen Rahmen bleiben, muss man sie nutzen. Mercedes-Benz hat schon im Mai 2004 das Motorenreglement infrage gestellt, und die FIA und alle Hersteller vereinten sich in einem sehr fruchtbaren Prozess, der letztlich ganz erfreulich mit sehr deutlichen Budgeteinsparungen endete. Wir alle tragen jetzt die Verantwortung dafür, dass das eingesparte Geld nicht in vier bis fünf parallel zu entwickelnde Kinetic-Energy-Recovery-Systeme gesteckt wird.
Können sich bei der Entwicklung dieser Technik Großserienfertigung und Motorsport gegenseitig unterstützen?
Das ist möglich. Im Motorsport müssen die Ingenieure äußerst flexibel und in sehr engen Zeitfenstern arbeiten. Unsere Serienentwicklung ist enorm weit, was die aktuellen technischen Möglichkeiten betrifft. Unser Motorsportbereich ist mit unserem Pkw-Forschungs- und -Entwicklungsbereich sehr eng vernetzt, wir stellen dort eine echte Win-win-Situation her, wobei die Formel 1 mehr von der Serie lernt als die Serie von der Formel 1.
Lassen sich so die Kosten in Grenzen halten?
Das ist neben den noch besseren sportlichen Leistungen unser oberstes Ziel, und wir sind hier gut unterwegs.
In der Formel 1 ist - wie in der Serienfertigung - die größtmögliche Effizienz, auch beim Spritverbrauch, erstrebenswert...
Absolut, und die ist heute allemal gegeben. Unser Formel-1-V8-2,4-Liter-Motor hat die zehnfache Leistung eines kleinen Serientriebwerks. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Aggregat auch zehnmal so viel Sprit braucht. Wenn man die spezifischen Verbräuche betrachtet, ist unser Motor für die Formel-1-Weltmeisterschaft ein Weltmeister im Vergleich zu allem, was Ottomotor heißt.
Kann hier die Serienfertigung vom Motorsport lernen?
Das lässt sich schon wegen der grundsätzlich unterschiedlichen Aufgabenstellung nicht eins zu eins übertragen, die Anforderungen sind klarerweise völlig unterschiedlich. Aber der Wettbewerb in der Formel 1 wie in der Serie bringt uns mit Riesenschritten voran. Heute kann ein Mercedes, der 50.000 Euro kostet, viel mehr als vor zehn Jahren ein Automobil für umgerechnet das doppelte Geld. Der Wettbewerb und unsere Reaktion darauf macht dies möglich.
Weshalb sind die Formel 1 und die DTM das optimale Motorsport-Betätigungsfeld für die Marke Mercedes-Benz?
In der Formel 1 können wir uns international mit den großen und renommierten Automobilherstellern wie Toyota, Honda, BMW oder Renault sportlich messen und treffen mit Ferrari auf die Ikone des Formel-1-Rennsports, die seit dem ersten Rennen der Weltmeisterschaft 1950 am Start ist. Damit zeigen wir unseren Willen zur Wettbewerbsbereitschaft und unsere Fähigkeit, gut abzuschneiden. Mit unserem Engagement in der DTM wollen wir unsere Kunden und alle, die dies werden sollen, begeistern und eindrücklich zeigen, was die C-Klasse kann: Kein Auto hat in der langen DTM-Historie mehr Rennen und Titel gewonnen.
Das Interview führte Jens Dralle