Wolfsburg. Die Volkswagen AG startet Anfang September ein grenzüberschreitendes Weiterbildungsprojekt, um neben der internationalen Berufserfahrung die Kompetenz "Weltoffenheit" junger Mitarbeiter zu stärken. Das neue Programm "Wanderjahre" richtet sich vor allem an jene Beschäftigten des Autoherstellers, deren Zeit als Auszubildende noch nicht mehr als fünf Jahre zurückliegt. Beste Chancen haben Kandidaten, die in den Beurteilungen ihrer Vorgesetzten als überdurchschnittlich leistungsbereit, mobil sowie als besonders entwicklungsfähig gelten.
VW-Werker gehen auf die Walz
Kern der VW-Initiative ist der auf durchschnittlich ein Jahr angelegte Einsatz aller Teilnehmer im regulären Schichtsystem einer ausländischen Fahrzeugfabrik des Konzernverbunds. So ist denkbar, dass ein Pkw-Monteur aus dem Stammwerk Wolfsburg als Expatriate befristet in die Fertigung der VW-Tochtergesellschaft Bentley im britischen Crewe wechselt, um seinen beruflichen Horizont durch Einblicke in den Bau von Luxuskarossen zu erweitern.
Eine Qualitätsprüferin aus der Seat-Fabrik im spanischen Martorell wiederum könnte am Skoda-Standort Mladá Boleslav die Produktionsabläufe der tschechischen Markenkollegen studieren -- und nach Ablauf ihres Wanderjahres in Spanien Anregungen für Prozessverbesserungen geben. Daher wird das VW-Auslandskonzept gezielt durch länderspezifische Vorbereitungstrainings und Sprachkurse ergänzt. Um über die fachliche Sphäre hinaus vielfältige kulturelle Erfahrungen mit Land und Leuten zu fördern, lässt Volkswagen die Wanderjahre-Absolventen bevorzugt bei einheimischen Gastfamilien unterbringen.
Das Topmanagement bei VW verbindet grosse Hoffnungen mit den Exkursionen: "In einer Zeit der globalen Veränderungen brauchen wir Mitarbeiter, die über den Tellerrand schauen", betont VW-Personalvorstand Horst Neumann. "Sie werden Teil der Spitzenmannschaft, die das Unternehmen zum nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg führen wird." Von den Wanderjahren, so Arbeitsdirektor Neumann, "haben beide etwas -- Volkswagen durch weitere auslandserfahrene und motivierte Mitarbeiter, und jeder Einzelne, der seine Entwicklungschancen verbessert".
Auch die Arbeitnehmervertreter bei Volkswagen beurteilen den neuen Fortbildungsansatz positiv. "Ein internationales Unternehmen benötigt weltoffene Beschäftigte, und diese Weltoffenheit erreicht man nicht durch einen zweiwöchigen Ferientrip", meint etwa Bernd Wehlauer. Der stellvertretende Vorsitzende des VW-Konzernbetriebsrats freut sich daher, "dass wir jungen Menschen jetzt ein umfassendes Programm anbieten können, und ich hoffe, dass es grossen Zuspruch findet".
Davon ist der Hamburger Unternehmensberater John Vaintzettel fest überzeugt: "Bei VW ringen die Tarifparteien derzeit um den Erhalt bedrohter Jobs", sagt der auf Marketing und Human Resources spezialisierte Consultant. "Mit den Wanderjahren bietet man auch eine konstruktive Beschäftigungsidee."
Dass bei VW "nun schon Berufsanfänger ein internationales Netzwerk knüpfen können", sei im Wettbewerb von Vorteil. Vaintzettel: "Mancher Konkurrent wird da bald nachziehen."