Ein Unwort geht um in Deutschland: Es heisst "Kaufkraftrunde". Unter dieses Motto hat die Gewerkschaft IG Metall ihre Forderungen in der laufenden Tarifrunde gestellt: Fünf Prozent mehr Lohn heisst mehr Kaufkraft. Das müsste doch die Binnenkonjunktur stärken und Arbeitsplätze schaffen, so die bestechend schlichte Denkweise.
Klartext - Denn sie wissen nicht, was sie tun
In der Industrie herrscht ob solcher Logik blankes Entsetzen: "Wir leben vom Export", sagte Bosch-Chef Franz Fehrenbach vergangene Woche. Zähle er im Autobereich zu den direkten Exporten die indirekten, das heisst die Lieferungen für Exportfahrzeuge, hinzu, komme er auf 90 Prozent. Neun von zehn Bosch-Erzeugnissen aus Deutschland gehen demnach ins Ausland. Bosch und seine Kunden in der Autoindustrie stehen jedoch im globalen Wettbewerb. Toyota, Peugeot, Renault und Hyundai warten nur darauf, dass sich die Produkte der deutschen Konkurrenten weiter verteuern.
Es stimmt, real sind die Löhne in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland gesunken, in Grossbritannien, wo Vollbeschäftigung herrscht, aber um 25 Prozent gestiegen. Nun besitzt das Inselreich eine beneidenswert starke Ökonomie. Nur die Autoindustrie gehört nicht dazu, sie liegt am Boden: Rover ist pleite, Jaguar schreibt tiefrote, Land Rover blassrote Zahlen. Nur Luxusmarken wie Bentley und Aston Martin laufen. Massenmodelle wie ein VW Golf oder ein Ford Focus lassen sich bei einer solchen Lohnentwicklung für den Weltmarkt nicht produzieren.
Wer aufmerksam zuhört, kann in deutschen Unternehmen wie Bosch mehr als nur die Sorge heraushören, ein Lohnabschluss nahe der Gewerkschaftsforderung könne die internationale Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Die Industrie, das hört man auch bei DaimlerChrysler, Audi oder Siemens, ist zum Widerstand bereit, riskiert notfalls auch einen Streik. In den vergangenen Tarifrunden war das angesichts voller Auftragsbücher ein Tabu. Doch nun gilt es, die Position des Exportweltmeisters zu verteidigen, die Deutschland 2005 erneut errungen hat.
Auf lange Sicht lässt sich der Prozess der Deindustrialisierung, des Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, ohnehin nicht aufhalten. Aber er sollte langsam und gesteuert erfolgen, damit sich die Beteiligten, also in erster Linie die Unternehmen mit ihren Arbeitnehmern, umstellen können. So wie es aussieht, hat sich ausgerechnet die Industriegewerkschaft Metall vorgenommen, diesen Prozess zu beschleunigen.