Wolfsburg. Ein Wissenschaftsbetrieb mitten im Gewerbegebiet? Hoch spezialisierte Akademiker in hellen Kitteln, die aus den Laborfenstern auf die Betriebshöfe der benachbarten Autozulieferer mit all den Holzpaletten und Stahlcontainern blicken? "Wir verstehen uns als Dienstleister für angewandte Forschung und Entwicklung in Wolfsburg", erklärt Andreas Marek von der Projektgruppe "Nachhaltige Mobilität" des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie. "Da ist die räumliche Nähe zum produzierenden Gewerbe oft von Vorteil."
Runter mit den Pfunden
Den Standort für ihr neues Technikum -- der geräumige Hallenkomplex ermöglicht "aufwändige anwendungsorientierte Experimente" (Marek) -- hat die elfköpfige Projektgruppe bewusst im Gewerbegebiet Süd von Wolfsburg gewählt. Immerhin ist der Autokonzern Volkswagen, dessen Stammwerk in Sichtweite liegt, einer der wichtigsten Auftraggeber.
Mit insgesamt 58 Instituten, 12.400 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von rund einer Milliarde Euro zählt die Fraunhofer-Gesellschaft zu den Top Ten der Patentanmelder in Deutschland. Zu rund einem Drittel finanzieren die Wissenschaftler ihre Arbeit durch Aufträge aus der Wirtschaft -- Lohnforschung und Auftragsentwicklung, wie sie die Projektgruppe "Nachhaltige Mobilität" für VW durchführt, ist eine tragende Säule des Geschäftsmodells.
Zusammen mit den Experten vom VW-Technologiezentrum Isenbüttel etwa tüfteln Marek und sein Team an der Optimierung von Brennstoffzellen für den Einsatz in Fahrzeugen. Eine zentrale Aufgabe der Fraunhofer-Forscher ist das Projektmanagement inklusive der Einbindung von Hightech-Lieferanten. In Kooperation mit dem Zulieferer Eisenhuth aus Osterode/Harz versuchen die Wolfsburger nun, Kontaktplatten in den so genannten Stacks der Brennstoffzelle aus Kunststoff statt aus Metall zu fertigen, um Gewicht zu sparen. Die Fachleute von Sieb & Meyer, Lüneburg, wiederum helfen mit ihrem Know-how rund um das Bohren und Fräsen beim Bau neuartiger Steuerungstechnik für die Wasserstoffversorgung und das Verdichtersystem.
"Wir brauchen vor allem diese gegenseitige Vernetzung, um uns für die Herausforderungen von morgen aufzustellen", so der Wolfsburger Oberbürgermeister Rolf Schnellecke.
Auch im Bereich neuer Werkstoffe und Fertigungsverfahren steht Mareks Projektgruppe VW mit Rat und Tat zur Seite. Zusammen mit den Schaumstoffspezialisten des Zulieferers Bergler aus Oebisfelde analysiert die Fraunhofer-Elf etwa innovative Ansätze für den Materialaufbau von Interieur-Teilen. Zum einen erhofft sich VW davon eine Gewichtsreduzierung künftiger Modelle. Im Zuge der Nachhaltigkeitsinitiative "BlueMotion" hat Volkswagen bereits eine Produktlinie gestartet, die sich durch besonders niedrigen Kraftstoffverbrauch auszeichnen soll. Zum anderen setzt VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard im Rahmen des Sanierungsprogramms "ForMotion Plus" auf niedrigere Herstellkosten, zu denen geringerer Material- und Montageaufwand "immens beitragen kann" (Marek).
Kein Wunder also, dass der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann von der staatlichen Anschubfinanzierung für die Projektgruppe "Nachhaltige Mobilität" eine "Verzinsung der besonderen Art" erwartet: "Wir werden uns auch künftig intensiv dem Ausbau des technologischen Clusters rund um die Projektgruppe widmen", kündigt der Landespolitiker an. "Eines Tages", hofft er, "wird am Standort Wolfsburg daraus womöglich ein eigenes Institut."