Frankfurt/Main. Als langjähriger Beobachter der Autobranche kennt Jürgen Pieper die Schwachstellen des VW-Konzerns -- und die Agenda, die Wolfgang Bernhard jetzt in Wolfsburg erwartet. Automobilwoche sprach mit dem Analysten über die Herausforderungen bei VW.
Herr Pieper, das vergangene Jahr war wenig glanzvoll für VW. Wo liegen die grössten Gefahren für das Geschäftsjahr 2005?
Ich sehe derzeit zwei grosse Problemfelder. Zum einen die Überkapazitäten in den Produktionsanlagen des VW-Konzerns, insbesondere der europäischen Autowerke. Zum anderen drohen weiterhin erhebliche Verluste aus dem VW-Geschäft in Nordamerika.
Mit Wolfgang Bernhard fängt nun ein erfahrener Sanierer in Wolfsburg an, zunächst ohne eigenen Geschäftsbereich. Welchen Problemen sollte sich der Neu-Vorstand schnell widmen?
Der Abbau der Überkapazitäten ist eine sehr langfristige Herausforderung für das gesamte Topmanagement. Die Währungsproblematik, vor allem im Hinblick auf den schwachen US-Dollar, ist für VW mittelfristig schon eher in den Griff zu kriegen. Bei einer geschickten Einpreisung des neuen Passat für Nordamerika wird der frühere Chrysler-Vize Bernhard seine Erfahrungen sicher einbringen können. Seine besondere Herausforderung liegt ohne Zweifel bei der Hauptmarke Volkswagen.
Die Markengruppe Volkswagen soll Bernhard spätestens 2006 führen. Wo muss er da ansetzen?
Dringend überfällig ist vor allem bei VW eine Entzerrung der Lebenszyklen zentraler Produktlinien wie Golf und Passat. Überdies sollte die gehobene Marke VW noch klarer positioniert werden, gerade in der Differenzierung zu Audi, die ja auch den Anspruch "Premium" hat. Doch das kann Bernhard hinkriegen: Volkswagen ist eine anerkannt starke Marke, etwa bei der Dieseltechnologie.
Sollte Bernhard bei Skoda ebenfalls Korrekturen vornehmen?
Der Ausbau der tschechischen Marke ist für VW überaus bedeutsam, vor allem mit Blick auf die Wachstumsmärkte Osteuropas. Zwischen niedrigpreisigen VW-Modellen und artverwandten Skoda-Typen aber gilt es, Kannibalisierungseffekte erfolgreicher als bisher zu vermeiden.
Zur Markengruppe VW gehören auch Bentley und Bugatti.
Bentley bereitet momentan keine Sorgen. Und bei Bugatti sollte sich Wolfgang Bernhard schnell gegen eine zweite Baureihe entscheiden.
Bernhard gilt als forsch und sehr ehrgeizig. Drohen Konflikte mit anderen VW-Topmanagern wie etwa dem Vertriebsstrategen Stefan Jacoby?
Konfliktpotenzial ist durchaus vorhanden. Ich gehe aber davon aus, dass Bernhard schnell integriert wird. Schliesslich ist er der beste Mann für die Probleme bei VW.
Das Interview führte Henning Krogh.