Hannover. Die Continental AG zählt international zu den erfolgreichsten Fahrzeugzulieferern. Automobilwoche sprach mit Konzernchef Manfred Wennemer über die Perspektiven des Unternehmens.
Herr Wennemer, die Continental AG hat 2004 mit Rekordzahlen abgeschlossen und konnte auch zur Mitte des laufenden Jahres sehr gute Geschäfte vermelden. Sind die Monate seither ähnlich erfreulich gewesen?
An harten Zahlen können wir derzeit nicht mehr herausgeben, als wir per Ende Juni publiziert haben. Aber man kann sicher sagen, dass sich der positive Trend auch in den Sommermonaten fortgesetzt hat. Daher erwarten wir für das Gesamtjahr im Vergleich zu 2004 auch weiterhin Steigerungen bei Umsatz und Konzernergebnis.
Und wie beurteilen Sie die Automobilkonjunktur allgemein?
Continental hängt zu 60 Prozent ab vom Geschäft mit den OEMs. Und dieses Geschäft bewegt sich in etwa auf Vorjahresniveau. Einige Automodelle laufen derzeit gut, bei anderen gestaltet sich der Verkauf schwierig. Wir sind zum Glück überall dabei, auch bei den "Guten". In den Vereinigten Staaten profitieren wir insbesondere von der rapide gestiegenen Nachfrage nach ESP-Systemen. Weltweit liegen unsere Absatzzahlen mit diesem Produkt momentan 50 Prozent über jenen des Vorjahres. In Deutschland ist das Geschäft mit Winterreifen gut angelaufen. Die Lager der Händler waren leer und müssen gefüllt werden.
Erwarten Sie in Sachen Winterreifen gesetzliche Regelungen?
Ja. Eine Winterreifenpflicht würde ich das zwar nicht nennen, aber der deutsche Gesetzgeber wird den Autofahrer schon dafür verantwortlich machen, bei winterlichen Strassenbedingungen mit angemessener Ausrüstung unterwegs zu sein. Wer dennoch quer auf der Autobahn steht und den Verkehrsfluss massiv behindert, muss eben zahlen. Rechtskraft könnte die Novelle noch in diesem Jahr erlangen. Wir sind hier durchaus optimistisch, da die Thematik an sich zwischen den Parteien überhaupt nicht strittig ist.
Sind Sie auch optimistisch im Hinblick auf die Pkw-IAA? Wird die Branchenmesse in Frankfurt nachhaltige Impulse für das eher schleppende Neuwagengeschäft in Deutschland liefern?
Ich persönlich halte es für eher unwahrscheinlich, dass nach der IAA hier zu Lande der Auto-Frühling Einzug hält. Ein zusätzliches Wachstum, ausgelöst allein durch die Autoschau, ist zumindest für Continental nicht zu erwarten.
Welche Themen werden die IAA Ihrer Meinung nach bestimmen?
Die Industrie sorgt sich momentan vor allem aufgrund der hohen Ölpreise, die voll auf die Kosten für Rohmaterial durchschlagen. Und die Autofahrer stöhnen über die gestiegenen Spritkosten. Vor diesem Hintergrund könnten Hybridantriebe auf breiteres Interesse stossen -- bisher in Deutschland noch eher ein Nischenthema.
Sind angesichts der Verteuerung von Rohöl Preiserhöhungen für Ihre Produkte zu vermeiden?
Nein, ganz eindeutig nicht. Wir werden einerseits gezwungen sein, die Preise im Ersatzgeschäft zu erhöhen, bei Pkw- und bei Nutzfahrzeugreifen. Auf der anderen Seite werden wir auch auf unsere Kunden im Bereich Erstausrüstung zugehen müssen und sie um ihren Beitrag bitten.
Wann werden die Preiserhöhungen voraussichtlich wirksam?
Sicherlich noch im letzten Quartal dieses Jahres, wahrscheinlich im November. In den USA könnte es schon ein wenig früher sein.
Und welche prozentualen Aufschläge hat Continental geplant?
Zwischen drei und acht Prozent. Es kommt ganz auf das Produkt an und auf den jeweiligen Markt. Nach derzeitigem Stand der Dinge werden die Erhöhungen in Europa ein wenig geringer ausfallen als in Nordamerika, wo uns die volle Breitseite trifft, da Öl nun mal in US-Dollar gehandelt wird und der leicht dämpfende Effekt durch den Euro fehlt.
Welche operativen Aufgaben rangieren momentan ganz oben auf Ihrer Management-Agenda?
Die unbefriedigende Situation im Handel mit Pkw-Reifen in den USA, vor allem im Ersatzgeschäft, steht ohne Zweifel weit oben auf der Tagesordnung. Es wird uns nicht gelingen, den Break-even-Point im letzten Quartal noch zu erreichen. Im Moment sind wir dabei, eine Bestandsaufnahme zu machen. Und den entsprechenden Aktionsplan werden wir -- wo immer nötig -- nochmals verschärfen.
Denken Sie dabei an eine Verlagerung von Kapazitäten und den Abbau von Arbeitsplätzen?
Die Reifenproduktion unseres US-Werks in Mayfield/Kentucky haben wir ja bereits Ende vergangenen Jahres auf unbefristete Zeit eingestellt. Wenn sich der Markt nicht richtig erholen sollte, müsste man über weitere Massnahmen nachdenken. Beim Aufbau neuer Fertigungskapazitäten in Mexiko und vor allem in Brasilien liegen wir voll im Zeitplan.
Wird die Position von Martien de Louw, der das Pkw-Geschäft in den USA bis zu seinem Ausscheiden im Mai verantwortete, demnächst neu besetzt?
Wir werden sicherlich nicht auf Dauer dabei bleiben, dass ich neben meiner Funktion als CEO die Zuständigkeit für ContiTech und das Pkw-Reifengeschäft innehabe. Continental ist zwar nicht unter Zeitdruck, gleich morgen einen neuen Vorstand zu ernennen, aber innerhalb der nächsten zwölf Monate wird sich da gewiss etwas tun.
Die etablierten Autoproduzenten sehen sich neuen Wettbewerbern aus China gegenüber, die zudem ihre Produkte künftig stärker exportieren wollen. Gilt diese Herausforderung auch für den Continental-Konzern?
Und ob. Darauf müssen wir uns einstellen. Das Schlimmste wäre, die Chinesen jetzt zu unterschätzen. Im Gegenteil -- wir wollen und werden uns auf deren Heimatmarkt tummeln, um sie dort zumindest ein wenig zu beschäftigen.
Planen Sie neue Arbeitszeitmodelle in den Werken, um flexibler auf Konkurrenten reagieren zu können?
Das ist ein fliessender Prozess. Vor allem bei den Kosten müssen wir wettbewerbsfähig sein -- und bleiben. Ich glaube, die meisten Betriebsräte und Gewerkschafter bei Continental haben das begriffen.
Greifen Sie bei der Suche nach Sparpotenzialen ganz bewusst auf externe Berater zurück?
Wir haben Steuerberater, wir beschäftigen Rechtsberater -- also sehr spezialisierte Fachleute. Aber das, was Business Consultants leisten, müssen unsere hoch bezahlten Manager schon selber können.
Wie stehen Sie zu den Plänen einer möglichen neuen Bundesregierung, die Mehrwertsteuer alsbald heraufzusetzen?
Davon halte ich persönlich gar nichts. Und zwar schon deshalb, weil man den Druck vom Kessel nähme. Ausserdem ist zu befürchten, dass man sich jetzt einfach mal zusätzliches Geld holen würde und es dann doch wieder nur versickert. Wichtig wäre eine grundlegende Sanierung des Bundeshaushalts. Im Hinblick auf die prekäre Kassenlage müssen zunächst mal die Kosten runter.
Sind Sie zufrieden mit der jüngsten Entwicklung des Börsenkurses der Continental-Aktien?
Natürlich. Und eine ganze Reihe von Analysten sieht in unserer Aktie noch erhebliches weiteres Potenzial, auch im Vergleich unserer Kennziffern mit denen von anderen Unternehmen der Branche.
Im Herbst 2006 läuft ihr Fünfjahresvertrag als Vorstandschef aus. Haben Sie Interesse an einem zweiten Durchgang?
Ja.
Das Interview führte Henning Krogh.