Herr Beckers, die Automobilindustrie ist im Wandel: Die Stammwerke stagnieren, China boomt, die Umwelt schreit nach alternativen Antrieben… Der Job des Automobil-Managers wird nicht unbedingt leichter. Ist das auch Ihr Eindruck?
Ja, er ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr viel komplexer geworden. Es werden immer mehr neue Anforderungen an den Automobil-Manager gestellt. Nicht nur das Produkt oder die Märkte ändern sich, auch die Art und Weise der Nutzung des Produkts. Wir haben heute ganz andere Käufer und ein ganz anderes Käuferverhalten. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Industrie in der Lage ist, die Herausforderungen gut zu bewältigen.Wirklich? Zum Beispiel sind Frauen bei mehr als der Hälfte aller Kaufentscheidungen ausschlaggebend. In den Vorständen der Konzerne aber gibt es kaum Frauen.Natürlich gibt es auch eine ganze Menge Männer, die wissen, wie man Produkte für Frauen macht. Andererseits legen Sie den Finger in die Wunde. Die Automobilindustrie ist männlich dominiert und wäre glücklich, wenn sie mehr Frauen in ihren Reihen hätte. Wir werden immer wieder mit diesem Wunsch konfrontiert. Das große Problem ist, es gibt leider viel zu wenige Frauen in jenen technischen Berufen, die diese Industrie dominieren.Was muss man mitbringen, um erfolgreich in der Automobilindustrie zu wirken?Das ist eine Kombination von sehr vielen Dingen. Die Automobilindustrie ist vor allem geprägt durch Menschen, die sich intensiv mit ihrer Technologie, ihrem Produkt, mit Produktionsprozessen und den Märkten auseinandersetzen. In der Automobilindustrie wird sehr gründlich gearbeitet und man ist um ständige Optimierung von Produkten und Prozessen bemüht. Das setzt unter anderem ein hohes Maß von Detailorientierung voraus.Kann das nicht auch der Besetzung eines wichtigen Postens im Wege stehen? Audi-Chef Rupert Stadler sei kein geeigneter potenzieller Nachfolger für VW-Vorstand Martin Winterkorn, heißt es, weil er eben kein Techniker, sondern BWLer sei.Es steht mir nicht an, mich zu konkreten Personen und Unternehmen zu äußern. Grundsätzlich aber gilt meiner Erfahrung nach: Automobilmanager auf der Top-Ebene müssen immer auch die Details des Produkts im Auge haben, heute mehr als früher. Man kann die Komplexität eines Automobilunternehmens nicht in den Griff bekommen, wenn man nicht den Anspruch hat, es möglichst tief zu verstehen. Man wird es kaum glauben, aber das kann auch dem einen oder anderen Nicht-Techniker gelingen.Bei einem großen Autohersteller ist der Vertriebschef studierter Meeresbiologe.Dagegen ist nichts zu sagen. Es gibt ja auch durchaus den einen oder anderen Juristen oder Kaufmann, der es in der Automobilindustrie zu Recht weit gebracht hat. Aber erstens ist es die Ausnahme, und zweitens sieht man, dass auch diese Manager sich die nötige Produkt-, Technologie- und Marktkenntnis sowie Detailorientierung erarbeitet haben. Das ist hart, aber in der Automobilindustrie wird in der Regel sehr hart gearbeitet.Wie wichtig ist das Macht-Gen? Bei einigen Herstellern stöhnen die Mitarbeiter ob des rauen Tons in den Chefetagen.Macht ist ein böses Wort. Führung ist sehr wichtig. Je höher die Komplexität einer Organisation ist, desto höher sind die Anforderungen an die Führung. Die Automobilunternehmen haben ihre Prozesse in den vergangenen Jahren perfektioniert wie keine andere Branche. Und doch reicht das noch nicht. Deshalb gilt: ein Manager, der keine Führungsfähigkeiten besitzt oder nicht den Willen zur Führung besitzt, wird es im Zweifel nicht weit nach oben bringen.Die besten Manager werden heute oft nach Asien geschickt, um den wachsenden Märkten gerecht zu werden. Ist das ein Hindernis für Sie als Personalberater, wenn ein Kandidat etwa aus Familiengründen nicht das Land verlassen will? Natürlich setzt man seine guten Führungskräfte an den härtesten Fronten ein, und zu den harten Fronten gehören für viele Unternehmen Asien, aber auch ein paar andere Märkte. Ein Hindernis, gute Leute zu bekommen, ist dieser Trend meist nicht. Die meisten von ihnen sehen die Möglichkeit, den asiatischen Markt kennenzulernen und ihre Fähigkeiten dort zu erweitern, als wertvolle Erfahrung. Die Kaste der Manager ist heute sehr flexibel, bewundernswert flexibel. Automobilmanager müssen heute schon wissen, was der Markt in sechs, sieben Jahren verlangt.Es gab Zeiten, da ging es darum, die bestehenden Produkte zu optimieren oder aus der bestehenden Technologie neue Anwendungen zu entwickeln, und das Ganze zu einem niedrigen Preis, das heißt, über ständige optimierte Prozesse. Heute muss die Automobilbranche strategischer denken als bisher. Das ist eine der großen Herausforderungen an die Unternehmen sowohl der Automobilhersteller wie der Zulieferer.Was sind für Sie die wichtigsten Kriterien, um bei einem Kandidaten zu überprüfen, ob er auf eine Position passt?Das kommt jeweils auf die gegebene Position an und lässt sich nicht verallgemeinern. Ganz grob zu unserem Prozess: Wir schauen uns an, was jemand bisher gemacht hat, darüber hinaus, wie er es gemacht hat und schließlich in welchem Umfeld. Wir versuchen abzuleiten, wie er in einem neuen Umfeld auf eine neue Aufgabe reagieren wird. Dabei ist die Prägung eines Menschen durch seine verschiedenen vorangegangenen Umfelder sehr wichtig.Finden die meisten Wechsel in der Automobilindustrie mit Hilfe von Personalberatern statt?Die meisten Veränderungen auf Führungsebene geschehen durch Rekrutierung aus dem eigenen Unternehmen heraus, und das ist auch gut so, denn gut geführte Unternehmen sollten für die meisten Positionen im Hause Nachfolger entwickeln. Selbstverständlich holt man auch von außen immer wieder Leute herein. Aus zwei Gründen: Erstens, weil man im eigenen Hause doch keinen Qualifizierten hat, oder zweitens, weil man frisches Blut, eine neue Perspektive, hineinbringen will. Ich kann nicht beurteilen, welchen Anteil an solchen Wechseln die Personalberater haben. Wir sprechen nicht über unsere Mandate. Dementsprechend intransparent ist der Markt.Bei der IAA fiel wieder auf: Viele Automobil-Chefs können schlecht frei reden. Einer las seine Rede mit zitternder Hand vom Smartphone ab. Empfehlen Sie Ihren Klienten Kommunikations-Coaching?Das ist eine relativ neue Herausforderung an den Automobilmanager, aber nicht die härteste von allen. Ich bin mir sicher, dass die Betreffenden sich darauf einzustellen wissen. Die meisten Automobilmanager befinden sich in einem permanenten Lernprozess. Dass viele von Ihnen bisher so anpassungs- und lernfähig waren, das macht die Stärke dieser Branche aus.Interview mit dem Headhunter Rolf Beckers
"Es gibt leider viel zu wenige Frauen in Technikberufen"
Headhunter Rolf Beckers von Spencer Stuart über die Herausforderungen der Autoindustrie, das Macht-Gen von erfolgreichen Managern und das mitunter mangelhafte Kommunikationsverhalten von Konzern-Chefs.