Bernhard Kerscher: Er stellt das bewährte duale System infrage. So einfach ist das! Und mit ihm seine Vorteile Verbraucherschutz, Vermeidung von Interessenkonflikten und höchste Standards für die Verkehrssicherheit. Hier werden zulasten der Verkehrssicherheit singuläre finanzielle Interessen verfolgt.
"Zulasten der Verkehrssicherheit"
Kerscher: Das gibt es bei den Überwachungsorganisationen bereits. Der ZDK versucht jetzt, das gleiche nochmal aufzubauen. Das würde aber gewaltige Kosten bedeuten.
Gerhard Müller: Zudem macht es uns Sorgen, dass die Innungen die Anerkennung vergeben sollen. Da gibt es dann einen doppelten Interessenskonflikt: Die Werkstätten verdienen an den Reparaturen und die Innungen leben von den Mitgliedsbeiträgen der Werkstätten. Da haben wir größte Bedenken, ob die Unabhängigkeit der Prüfung so garantiert werden kann.Kerscher: Wir haben ja jetzt schon Konkurrenz mit 18 verschiedenen Prüforganisationen. Wenn der ZDK die 19. wäre, wäre das ja OK und man könnte es in das bestehende System einbinden. Aber ein zusätzliches System aufzubauen macht wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn.
Kerscher: Wenn das Kfz-Gewerbe eine 19. Überwachungsorganisation gründet, wäre es eben eine mehr. Ja und? Das kann jeder machen. Aber sie müssten dann eben auch Prüfingenieure beschäftigen, die die gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildungsschritte durchlaufen haben.
Kerscher: Nein, überhaupt nicht. Der Meister hat die technische Qualifikation, das bestreitet niemand. Aber sie haben die gesetzlich vorgeschriebenen Abschlüsse nicht.
Kerscher: Wer davon profitieren würde, sind nicht die kleinen und mittleren Betriebe sondern die Werkstattketten wie A.T.U oder PitStop und natürlich die Innungen, die die Schulungen machen.
Müller: Der Vorschlag des Kfz-Gewerbes beinhaltet ja auch hohen Aufwand wie fünf Tage Fortbildung pro Jahr oder das Qualitätsmanagement, die Meldung von Statistiken an das Kraftfahrt Bundesamt. Die durchschnittlichen Autohäuser machen zwischen zehn und 15 Hauptuntersuchungen pro Woche. Dafür diesen Aufwand zu betreiben wird sich nicht lohnen. Wirtschaftlich sinnvoll ist es nur dann, wenn der Prüfer viele HUs am Tag macht. Auch weil der Prüfer ohne Routine langsamer ist.Wenn wir mit den Autohäusern sprechen, sind diese zunächst oft für die Werkstatt-Prüfung, aber wenn man die Argumente mal austauscht, kommen sie schnell zur Erkenntnis, dass es sich gar nicht lohnt.Kerscher: In Österreich wird die Prüfung meist im Rahmen von Serviceintervallen gemacht – mehr oder weniger genau. Wir wissen da nicht, ob der Stempel nur geklebt oder auch wirklich geprüft wird. Was uns schockt, ist dass die Anzahl der Verkehrstoten pro einer Million Einwohner in Österreich um ein Drittel höher ist als in Deutschland und das führen wir unter anderem auf diese Form der Fahrzeugüberprüfung zurück.
In den Niederlanden werden die prüfenden Werkstätten aus historischen Gründen extrem überwacht. Für eine ähnliche Kontrolle der Prüfer müssten in Deutschland rund 1000 Ingenieure eingesetzt werden. Außerdem werden in den Niederlanden pro Jahr etwa 250 Werkstätten vom Netz genommen, weil die Qualitätsstandards nicht erfüllt sind. Im größeren Deutschland wären es dementsprechend mindestens Faktor fünf mehr.Kerscher: Das lässt sich nicht vergleichen. Die AU geht streng nach Checkliste und der Computer zeigt ein Ergebnis. Bei der Hauptuntersuchung geht es dagegen um Ermessen, um Transferleistungen und außerdem muss noch die Vorschriftsmäßigkeit überprüft werden, beispielsweise wenn jemand mit anderen Felgen kommt. Das hat ja Auswirkungen bis hin zum ABS. Auch bei Transferleistungen und komplizierter Elektronik oder Hybridfahrzeugen hat der Prüfingenieur eben doch die bessere und weitreichender Ausbildung und Erfahrung. Jeder Meister kann Prüfingenieur werden, wenn er die Ausbildung und die Prüfung durchläuft.
Kerscher: Finanziell machen wir uns keine Sorgen. Die meisten Werkstätten würden die HU wohl nicht selbst anbieten, weil es sich für sie mangels Volumen nicht rechnet. Worum es uns geht, sind Verkehrssicherheit und Verbraucherschutz.
Kerscher: Es könnte durchaus passieren, dass es dann zu Preisdumping durch einzelne Werkstättenketten kommt, die im Rahmen einer Inspektion mit der Hauptuntersuchung für 29,90 Euro werben.
Müller: Ich glaube, dass die Masse der deutschen Autofahrer ein verkehrssicheres Fahrzeug will. Aber es gibt natürlich auch eine Grauzone. Es könnte durchaus passieren, dass Meister es mit der Untersuchung nicht so genau nehmen, um einen Kunden nicht zu verprellen oder dass im Gegenteil besonders streng kontrolliert wird, um Werkstattgeschäft zu machen. Da gibt es einfach Interessenskonflikte, die unsere Prüfer nicht haben.
Müller: Es hängt vom Gesetzgeber ab. Aber Bundestag und Bundesrat haben zuletzt einhellig gesagt, wir brauchen das nicht. Das jetzige duale System ist gut. Es gibt keine Notwendigkeit, es zu ändern.