Seit Wochen wird mir immer wieder diese eine Frage gestellt, und ich weiß langsam keine Antwort mehr: Was ist eigentlich bei Daimler los? Kaum hat Firmenchef Dieter Zetsche eine Baustelle geschlossen – oder zu schließen versucht –, tut sich die nächste auf. Beispiele gefällig? Das China-Geschäft ist ein Desaster, welches der neue China-Vorstand mit einem polternden Brief voller Unverschämtheiten an seine Händler noch verschlimmert. Wer China nur ein wenig kennt, weiß, dass ein solches Verhalten dort ein No-go ist. Der Schaden dürfte kaum wieder gutzumachen sein.
Doch China ist ja nur ein Problemfall in der an Katastrophen so reichen jüngeren Geschichte von Mercedes: Vergangene Woche erreichte uns die Nachricht, dass der Mercedes Citan beim Euro-NCAP-Crashtest nur drei von fünf Sternen bekommen hat. Das Auto ist ein kaum veränderter Renault Kangoo aus der Kooperation mit den Franzosen und war schon vorher ein für Mercedes unwürdiges Produkt, das nichts zu suchen hat im Showroom einer Marke mit dem Slogan "Das Beste oder nichts“. Manchen Mercedes-Händlern macht der Citan geradezu Angst, "denn die Käufer könnten denken, sie fahren einen Mercedes“. Keine Bange: Nach Veröffentlichung des Crashtest-Ergebnisses werden sich nicht mehr viele Kunden für den Kasten finden. Ach ja, eine Gewinnwarnung gab es vergangene Woche auch noch. Die regt aber schon keinen mehr so richtig auf, gehört sie doch mittlerweile zur Finanzkommunikation des Unternehmens wie die Jahresabsatzmeldung. Ungelöst ist nach wie vor das Problem mit den Klimaanlagen.
Daimler hat es geschafft, sich bei der gesetzlich vorgeschriebenen Umstellung auf ein neues Kältemittel in eine Sackgasse zu manövrieren. Die Klimaanlagen von A-, B- und SL-Klasse wurden mit dem neuen, aber brandgefährlichen R1234yf zugelassen. Mercedes will es aber aus Sicherheitsgründen nicht mehr einsetzen. Warum ist Ähnliches eigentlich weder in Wolfsburg noch in München oder Ingolstadt passiert? Bei Daimler stimmt's grundsätzlich nicht. Offenbar ist es Zetsche nicht gelungen, "Bullshit Castle“ (Jürgen Schrempp) so gründlich auszumisten, wie es nötig gewesen wäre. Hat Daimler noch drei Jahre Zeit, eine Antwort zu finden auf die Frage, ob es ein anderer besser kann?