Herr Bock, Mercedes-Benz ist fast überall auf der Welt als ein Hersteller luxuriöser Autos mit großer Historie bekannt. Nur auf dem Wachstumsmarkt China denkt man bei Pagode doch sicher eher an einen buddhistischen Tempel als an einen Mercedes-Benz 230 SL aus den 60ern, oder?
Bock: Auch in China wird Mercedes in diesem Jahr 100 Jahre alt – allerdings mit Nutzfahrzeugen. Die Chinesen haben – bis auf einzelne Sammler abgesehen – ein anderes kulturelles Verständnis für alte Autos als beispielsweise Europäer oder Nordamerikaner. Manche Sammler spekulieren darauf, dass sich der Markt in China öffnet. Ich rechne damit aber nicht so bald.Auch ohne die Nachfrage aus China sind die Preise für Sammlerfahrzeuge in den vergangenen Jahren stark angezogen. Sind Oldtimer zu einer Art Geldanlage oder gar Spekulationsobjekt geworden?Bei einzelnen Autos die in geringen Stückzahlen gebaut wurden und zu denen es eine Geschichte gibt, gibt es große Wertsteigerungen. Da sagen dann Sammler, ich muss dieses Auto haben, egal was es kostet. Es ist eine Mischung aus Begeisterung für diese Autos und der Suche nach einer werthaltigen Geldanlage. Steigen nicht vor allem die Autos im Wert, die an der Schwelle zum Klassiker stehen, wie der Mercedes-Benz W 123, die Ente oder der Käfer?Von diesen Fahrzeugen wurden aber auch große Stückzahlen gebaut. Die richtigen Werttreiber sind Autos wie der 300 SL Flügeltürer oder Roadster. Um die Wertsteigerung zu messen, haben wir gemeinsam mit der Firma Hagi einen Index aus 30 klassischen Mercedes-Modellen gebildet. Bei denen hat es seit 2008 eine nachhaltige Wertsteigerung von 52 Prozent im Schnitt gegeben. Was kostet denn ein gut gepflegter oder restaurierter 300 SL Flügeltürer?Da gehen wir langsam auf eine Million Euro zu. Ist dieser Preis gerechtfertigt? Das Auto gab es vor wenigen Jahren noch für die Hälfe.Ja sicher, der Markt ist ja da. Der Flügeltürer ist eine Legende, wir liefern noch Teile und sie können damit an den wichtigen und großen Klassik-Veranstaltungen teilnehmen. Und außerdem sehen sie in einem solchen Mercedes immer gut aus.Wie restauriert Mercedes-Benz Classic ein Auto? Wird der berühmte „besser als neu“-Zustand angestrebt oder versuchen Sie, möglichst viel alte Substanz zu erhalten?Früher galt nur der Kundenwunsch. Heute restaurieren wir entsprechend unserem technischen Know-How und unseren Standards. Wenn wir ein Auto mit einer erhaltenswerten Originalität und Patina bekommen, dann bemühen wir uns diese auch zu erhalten. Bekommen wir aber ein „runtergerittenes Auto“, machen wir eine Vollrestaurierung bis zum Innenleben des Tachos. Unser Maßstab ist, wie das Auto seinerzeit das Werk verlassen hat. Jetzt gibt es die „Charta von Turin“, die vorschreibt, möglichst viel Substanz zu erhalten. Richten Sie sich danach? Ja, wir haben die FIVA bei der Charta unterstützt und orientieren uns auch an ihr. Werden Autos wie der W 201, der 190er von 1982 mal echte Klassiker? Das Auto bekommt zwar jetzt ein H-Kennzeichen, wirkt aber noch sehr modern im Straßenbild und es gibt ja noch sehr viele davon.Einzelne Modelle der Baureihe W 201 werden sich als Sammlerfahrzeuge herauskristallisieren. Das sind ganz klar die 16-Ventiler. Die Szene für diese Fahrzeuge pflegen wir auch, denn ein solcher 16-Ventiler wird von Privatfahrern gerne auch für historischen Motorsport verwendet. Damit ist er ein ideales Instrument, die Marke aufzuladen und einen sportlichen Markenwert zu kommunizieren. Und unsere eigentliche Aufgabe als Mercedes-Benz Classic ist ja die Kommunikation.Sind solche Youngtimer nicht auch ideal, um einen jüngeren Interessentenkreis an das Thema Oldtimer heranzuführen?Ein 190er 16-Ventiler ist ganz klar ein Auto für die jüngeren Klassik-Fans. Das gleiche erleben wir aber auch bei der W 126er S-Klasse.Halten Sie für alle alten Fahrzeuge noch Ersatzteile vor?Wenn ein Modell 30 Jahre alt wird, wird es bei der Ersatzteilversorgung an uns übergeben. Wir haben derzeit rund 37.000 verschiedene Teilepositionen im System und haben mehr als zehn Millionen Teile auf Lager, die über jeden Mercedes-Benz Betrieb bestellt werden können.Ist denn im Handel und bei den Werkstätten noch das Wissen und das Verständnis für die alten Modelle und ihre Technik vorhanden?Wir planen mit der Vertriebsorganisation Deutschland eine Reihe von Niederlassungen und Vertragshändler zu identifizieren, wo wir das Know-How für die Reparatur und Wartung klassischer Fahrzeuge erhalten wollen. Dort muss es zwischen den älteren Mitarbeitern, die teilweise auf den Fahrzeugen gelernt haben, und den jüngeren einen Wissenstransfer geben. Das ist ja für einen Handelsbetrieb auch die Chance, seine Stammkundschaft zu binden. Viele Fahrer eines modernen Mercedes-Benz haben auch einen Klassiker in der Garage. Und die lassen ihr altes Fahrzeug in der Regel lieber in einer Mercedes-Benz Werkstatt warten, wenn es die Möglichkeit dafür gibt. Die Niederlassung München zum Beispiel hat das bereits erkannt. Der Neuwagenverkäufer in einer Niederlassung weiß ja oft nicht, was er zum Beispiel mit einem gut erhaltenen W 126 tun soll, der in Zahlung gegeben wird. Für die Gebrauchtwagen-Vermarktung ist der zu alt, für die Schrottpresse zu schade. Wohin aber damit?Wenn es schlecht läuft, geht das Auto in irgendwelche Gebrauchtwagen-Auktionen oder nach Osteuropa. Besser ist es natürlich, der Händler weiß, wie er ihn an Sammler oder Fans weitergeben kann. Für ein gut erhaltenes Auto mit wenig Kilometern gibt es einen Markt. Wir haben als Marke auch ein Interesse daran, dass solch ein Auto erhalten wird. Schließlich transportiert es unseren Markenwert Qualität sehr anschaulich.Man hört immer wieder von gefälschten Teilen oder Fahrzeugen, die als Originale angeboten werden. Ist das für Mercedes-Benz Classic ein ernstes Problem?Das ist es. Wenn ein 300 SL Flügeltürer heute 900.000 Euro kostet, lohnt es sich für einen Betrüger, solch ein Auto nachzubauen. Da beschafft sich jemand die Fahrgestellnummer von einem Totalschaden und baut mit nachgebauten und originalen Teilen ein komplettes Auto auf. Dieses Auto kostet ihn dann vielleicht 150.000 Euro, wird dann aber als Original für 900.000 Euro angeboten. Und wenn dann Käufer auf solch ein Fahrzeug hereinfallen, dann ist das ein verlockendes Geschäft.Was kann man dagegen tun?In diesem konkreten Beispiel, das sich so abgespielt hat, können wir als Hersteller rechtlich wenig machen. Geschädigt wurde in dem Fall der Besitzer des Original-Motors und des Rahmens mit der Fahrgestellnummer. Denn unter der Nummer ist jetzt bereits ein Auto zugelassen. Wir bieten deshalb Eigentümern an, eine Expertise zu erstellen, in der wir bescheinigen, was an einem Fahrzeug original ist – aber auch was nicht. Von der Expertise gibt es jeweils zwei Exemplare, eine geht an den Eigentümer des Autos, das andere bleibt bei uns im Archiv. Der Rahmen des Fahrzeugs bekommt bei uns eine Codierung, bei deren Entwicklung uns das BKA geholfen hat. Das soll verhindern, dass nachträglich an dem Auto manipuliert wird. Was kostet eine solche Expertise? Wir berechnen für diese Leistung 15.000 Euro netto. Und das deckt gerade mal die Kosten. Das klingt zwar nach viel, aber in Relation zu den mehreren Millionen Euro, die bestimmte Vorkriegsfahrzeuge im originalen Zustand heute wert sind, macht das durchaus Sinn. Denn der Wert eines Fahrzeugs steigt mit einer solchen Expertise deutlich. Wir hatten allerdings auch schon den Fall, dass der Besitzer eines SSK hier gesessen hat, dem wir leider sagen mussten, dass sein Auto in jeglicher Beziehung kein Mercedes ist. Das war für ihn natürlich ein Schock.So ein Auto kann viele Millionen wert sein?Wenn es original ist."Chance für die Handelsbetriebe"
Oldtimer sind nicht mehr nur ein Hobby, sondern oft auch eine lukrative Geldanlage oder ein gutes Geschäft für Werkstätten, Teilehändler und Autohäuser, sagt Michael Bock, Leiter von Mercedes-Benz Classic.