München. Die Automobilindustrie baut ihre Kapazitäten deutlich aus – nicht unbedingt in der Fahrzeugproduktion, aber in der Kinderbetreuung. BMW zum Beispiel verdoppelt derzeit die Zahl an Kita-Plätzen in betriebseigenen Kindergärten, und auch Hersteller wie Daimler, Opel oder Porsche bauen ihr Betreuungsangebot für Kinder von Mitarbeitern deutlich aus. Hintergrund der Krippen- und Kitaoffensive: Derzeit fehlen in Deutschland bis zu 220.000 Betreuungsplätze allein für Kinder im Alter von unter drei Jahren. Und das ist ein Stolperstein beim Werben um qualifizierte Mitarbeiter. "Familienfreundliche Arbeitsmodelle anzubieten" sei ein essenzieller Wettbewerbsvorteil, heißt es etwa bei Bosch. "Es wird von qualifizierten Fachkräften ausdrücklich danach gefragt, inwiefern ein Unternehmen solche Arbeitsmodelle ermöglicht", sagt Heidi Stock, Leiterin der Zentralstelle Mitarbeiterentwicklung, Vielfalt und Chancengleichheit bei Bosch. So bietet der Zulieferer zusätzlich zu Belegkitaplätzen auch eine Kurzzeitbetreuung für Mitarbeiter, die zum Beispiel aus Frankreich zur Arbeit nach Deutschland pendeln – in Frankreich sind viele Kitas Mittwochs geschlossen, sodass Teilzeitmodelle an Standorten in Deutschland gefragt sind.
Auch bei BMW ist man sich sicher, dass eine möglichst flexible Kinderbetreuung vor allem im Ballungsraum München ein wichtiger Faktor bei der Arbeitsplatzwahl ist. Mit dem Bau von zwei neuen Betriebskindergärten verdoppelt der Hersteller jetzt die Betreuungskapazität für Mitarbeiterkinder. In München wird neben dem Forschungs- und Entwicklungszentrum FIZ eine neue Kita mit 3000 Quadratmeter Nutzfläche und einem rund 8000 Quadratmeter großen Außengelände für 220 Kinder gebaut. Und auch am Standort Regensburg wird mit einem Neubau das Betreuungsangebot verdoppelt, sodass dann insgesamt 440 Plätze an den deutschen BMW-Standorten zur Verfügung stehen. Man wolle "mit dem Ausbau der arbeitsplatznahen Kinderbetreuung gesellschaftliche und unternehmerische Verantwortung" übernehmen, wie Personalvorstand Milagros Caina-Andree erklärt. Ähnliches hört man auch beim Wettbewerb. "Immer häufiger sind beide Elternteile berufstätig. Darauf müssen wir als Arbeitgeber reagieren und unsere Mitarbeiter stärker unterstützen", sagt Thomas Erdig, Vorstand Personal- und Sozialwesen bei Porsche. So werden in Zuffenhausen und Weissach derzeit neue Kinderbetreuungsplätze eingerichtet. Opel wiederum will zum Sommer eine neue Kita in Kooperation mit der Stadt Rüsselsheim eröffnen, 25 Belegplätze sollen für Mitarbeiter reserviert werden. Daimler wiederum bietet insgesamt 700 betriebseigene Plätze, davon 570 Betreuungsplätze in den Unternehmens-eigenen "sternchen"-Krippen, 130 Plätze in der Kita "Sterntaler" und 150 Belegplätze an verschiedenen Standorten. Audi hat insgesamt 171 Betreuungsplätze für Mitarbeiterkinder in Deutschland eingerichtet, 106 Plätze in Ingolstadt, 45 in Neckarsulm, für Kinder zwischen zwei Monaten und drei Jahren, dazu kommen Belegplätze in Kinderkrippen. "Wir werden die Nachfrage im Auge behalten und bei entsprechendem Bedarf reagieren", heißt es in Ingolstadt. Ein weiteres Angebot von Audi: Das Ferienprogramm "Sommerkinder", bei dem die Kinder in den Sommerferien durch einen externen Dienstleister betreut werden. "Natürlich wünscht sich Audi Mitarbeiter, die während der Arbeitszeit den Kopf frei haben für ihre berufliche Themen", so ein Audi-Manager. "Eltern müssen ihre Kinder dazu in sicheren und guten Händen wissen. Dennoch versuchen wir nicht mit allen Mitteln, die Mitarbeiter am Arbeitsplatz zu halten." Angebote wie flexible Teilzeit, Elternzeit oder Sabbatical sollen den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, Kinder auch längerfristig zu Hause zu betreuen.Die betriebliche Kinderbetreuung wird nicht nur aus reiner Kinderliebe angestrebt. Eine Studie Prognos AG kommt zum Ergebnis, dass sich Investitionen in familienfreundliche Maßnahmen auch betriebswirtschaftlich rechnen. Und eine Befragung des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik der Universität Münster von Unternehmen zeigte jüngst, dass die Wertschöpfung pro Mitarbeiter besonders hoch ist in Betrieben mit professioneller, familienfreundlicher Personalpolitik. Eine Untersuchung des Bundesfamilienministeriums hat ergeben, warum sich Familienfreundlichkeit rechnet: Beschäftigte, die sich keine Sorgen um die Betreuung ihrer Kinder machen müssen, fallen seltener aus. Aufwendungen für Überbrückung von Ausfallzeiten, Ersatz und Neueinstellungen sinken deutlich. Und: Beschäftigte kehren rascher aus der Elternzeit wieder zurück an den Arbeitsplatz. Dazu schafft die interne Kita-Betreuung eine hohe Bindung zum Unternehmen, qualifizierte Beschäftigte werden auch in der Familienphase gehalten.Kitas als Wettbewerbsvorteil
Beim Kampf um qualifizierte Fachkräfte werden Angebote zur Kinderbetreuung immer wichtiger. Die Autobauer reagieren darauf mit dem Ausbau ihrer Betriebs-Kitas.