Herr Pfeifer, schon lange vor der Ukraine-Krise ging der Rubel auf Talfahrt. Wie sehr belastet das Bosch sowie andere deutsche Hersteller und Zulieferer in Russland?
Die Abwertung des Rubels seit dem zweiten Quartal 2013 um rund 23 Prozent stellt eine große Herausforderung dar. Importe sind deutlich teurer geworden. Vor diesem Hintergrund ist eine verstärkte Lokalisierung vorteilhaft. Der Aufbau unseres neuen Automobilstandorts in Samara ist damit wichtiger denn je.Welche Rolle spielt die Ukraine-Krise für die Rubel-Abwertung?Man muss die Kursentwicklung vor dem Hintergrund der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sehen. Die russische Wirtschaft hat sich nach der Krise 2008/2009 mit hohen Wachstumsraten sehr dynamisch entwickelt Seit 2011 sind die Wachstumsraten eher moderat, 2013 stieg das BIP nur noch leicht um 1,3 Prozent. Das setzte den Rubelkurs unter Druck. Die Ukraine-Krise hat den Rubel nur vorübergehend zusätzlich geschwächt.Der Druck, den lokalen Wertschöpfungsanteil zu steigern, resultiert auch aus hohen Einfuhrabgaben und den Dekreten 166 und 566, mit denen die russische Regierung Vorteile bei diesen Abgaben gewährt, wenn Unternehmen bestimmte Local-Content-Anforderungen erfüllen. Wie wichtig sind diese Vereinbarungen?Für Unternehmen, die die Vorgaben der Dekrete nicht erfüllen, ist der Markzugang erschwert. Die hohen Einfuhrabgaben für Importe schwächen die Wettbewerbsfähigkeit. Neben der Nähe zu unseren Kunden ist das ein weiterer Grund, unsere Produktion in Russland stärker zu lokalisieren. Ein Beispiel hierfür ist unser neues Werk in Samara. Dort wollen wir ab Frühjahr 2015 Kraftfahrzeugtechnik für lokale Kunden fertigen.Um im Werk in Samara einen hohen Local Content zu erreichen, benötigen Sie Zulieferer im Land – sind die vorhanden?Der Zuliefermarkt stellt in Russland eine deutlich größere Herausforderung dar als in Ländern, in denen der Automobilsektor bereits weit entwickelt ist wie beispielsweise in Westeuropa. Einerseits existieren nur relativ wenige Zulieferer. Andererseits gibt es Nachholbedarf etwa bei der Prozessstabilität und -qualität sowie der Zertifizierung. Der Anteil von Zulieferern, die nach Automobilqualitätsstandards wie ISO/TS 16949 zertifiziert sind, liegt im einstelligen Prozentbereich. Ausgewählte Zulieferer unterstützt Bosch daher in ihrer Entwicklung.Wie identifizieren Sie geeignete Zulieferer?Gemeinsam mit der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK Moskau) haben wir im Sommer 2013 in Moskau eine Zulieferermesse veranstaltet. Dort haben wir russische und internationale Unternehmen dafür sensibilisiert und motiviert, sich am Aufbau der Wertschöpfungskette in Russland zu beteiligen. Mit einer ähnlichen Veranstaltung in Samara haben wir kürzlich Zulieferer auf den dort entstehenden „Technopark“ aufmerksam gemacht, der zum Ausbau der industriellen Kompetenz in der Region beitragen soll. Wie viele russische Zulieferer haben Sie infolge dieser beiden Veranstaltungen gewonnen?Das lässt sich noch nicht sagen. Wir befinden uns mit vielen Zulieferern in der Analysephase, mit einigen in der Angebotsphase. Bei einigen läuft die Erstmustererstellung. Wie ist das zahlenmäßige Verhältnis von ausländischen und lokalen Unternehmen unter Ihren Zulieferern in Russland?Zu Beginn der Lokalisierungsbemühungen wird es sich überwiegend um internationale Zulieferer und deren russische Dependancen handeln. Eine mittelständische Zulieferer-Landschaft muss sich hier erst noch entwickeln. Zusammen mit der AHK und dem russischen Wirtschaftsministerium engagiert sich Bosch auch für den Aufbau eines funktionierenden Mittelstandes nach deutschem Vorbild. Die Politik unterstützt das sehr stark.Ist zu erwarten, dass künftig mehr deutsche oder internationale Zulieferer in Russland produzieren werden?Die Ansiedlungsbedingungen und auch das Geschäftsklima haben sich in den letzten Jahren verbessert. Auch kleinere Zulieferer erhalten Unterstützung, wenn sie sich hier ansiedeln möchten. Zunehmend entstehen sogenannte Industrieparks oder auch Cluster, in denen sich Zulieferer in der Nähe ihrer Kunden ansiedeln können. Und es ist ein sehr sportlicher und produktiver Wettbewerb zwischen den einzelnen Regionen um die Investoren im Gange. Daher hatte das Interesse internationaler Unternehmen an Russland vor der Ukraine-Krise noch zugenommen. Kleine und mittelständische Zulieferer stehen einem Gang nach Russland besonders reserviert gegenüber – zu Recht? Der Schritt nach Russland stellt für kleine und mittlere Zulieferer immer noch eine große Herausforderung dar. Bosch ist bereits seit 110 Jahren in Russland präsent. Wir sind seit vielen Jahren auf dem russischen Markt erfolgreich und fühlen uns in der Region wohl. Deshalb werben wir auch bei kleineren Unternehmen dafür, sich in Russland zu engagieren. Mit uns als Ankerkunde können sie eine Grundauslastung erwarten und von dieser Basis aus ihr Russland-Geschäft weiterentwickeln.Können Sie Zulieferer auch bei der Ansiedlung unterstützen?Ja, Lieferanten, die sich in Russland ansiedeln, um uns lokal zu beliefern, erhalten die gleiche Unterstützung und haben die gleichen Bedingungen wie wir. Das haben die Regionalverwaltungen an unseren Standorten angeboten. Ein kleinerer Zulieferer, der allein nach Russland geht, wird so gute Einstiegsbedingungen oft nicht vorfinden.Finden Sie genug qualifizierte Arbeitskräfte in Russland?Für einfache Tätigkeiten finden wir genügend lokale Arbeitskräfte. Dies gilt auch für Akademiker, die technisch sehr gut ausgebildet sind. Hier unterstützen wir mit Traineeprogrammen, um ihre internationale Kompetenz zu stärken. Einen gewissen Engpass gibt es bei den qualifizierten Fachkräften. Daher haben wir im Frühjahr 2014 als eines der ersten Unternehmen in Russland begonnen, an unserem Standort in Engels eine duale Berufsausbildung nach deutschem Vorbild einzuführen. Die duale Ausbildung genießt vor Ort einen hervorragenden Ruf und wird von der Politik sehr stark unterstützt. Die AHK prüft derzeit, ob hier Facharbeiterbriefe vergeben werden können, die in Deutschland anerkannt werden. Sie wirken trotz aller Probleme nicht entmutigt – mit welchen Chancen lockt Russland die Automobilbranche?Vorausgesetzt die politische Situation entspannt sich wieder, ist Russland mittel- und langfristig ein wichtiger Wachstumsmarkt mit 142 Millionen Konsumenten, die nach einem höheren Lebensstandard streben. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat sich in den vergangenen 15 Jahren etwa versechsfacht und rund 18.000 US-Dollar erreicht. Zudem mögen russische Konsumenten hochwertige technische Produkte, bevorzugt aus Westeuropa, insbesondere Deutschland. Das bietet gerade für Bosch als Technologie- und Dienstleistungsunternehmen enorme Chancen. Durch den Export von Energieträgern und anderen Rohstoffen ist Russland auch sehr finanzstark.Das Interview führte Gerd Scholz.