Leider kommt es viel zu selten vor, dass sich die Chefs großer deutscher Unternehmen zu politischen Fragen äußern. Zu groß scheint die Angst zu sein, sich bei Politikern oder einem Teil der Öffentlichkeit unbeliebt zu machen. Solche Feigheit rächt sich meist. Denn das Schweigen wird allzu oft als Zustimmung gedeutet. Nicht viel besser sind Proteste von Lobbyisten gegen wirtschaftsschädliche Gesetzesvorhaben im Hinterzimmer. Denn diese Art von Intransparenz schürt Misstrauen. Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche kann man diesen Vorwurf nicht machen: „Sorge macht mir die Kehrtwende bei der Flexibilisierung“, sagte Zetsche vor zwei Wochen in Peking vor deutschen Journalisten zu den Arbeitsmarktplänen der Bundesregierung. Mit Mindestlohn, Einschränkungen von Leiharbeit und Werkverträgen leiste die Große Koalition dem Arbeitsmarkt „einen Bärendienst“, so Zetsche.
Solche Äußerungen von Unternehmenschefs sind leider viel zu selten oder kommen reichlich spät. Denn das Gesetzgebungsverfahren läuft bereits auf Hochtouren. Dabei sind Änderungen in letzter Minute dringend nötig, mahnt auch der ZDK. Er sieht durch den Mindestlohn von 8,50 Euro die Gefahr, dass junge Menschen abgehalten werden, einen Ausbildungsplatz im Kfz-Handwerk anzunehmen. Denn während der Lehre liegt der Stundenlohn unter dieser Schwelle. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will deshalb bis zum Alter von 18 Jahren Ausnahmen zulassen. Das zeigt, wie weit sich die einstige Arbeitnehmerpartei SPD von ihrer ehemaligen Stammklientel entfernt hat. Dass heute junge Menschen oft älter als 18 sind, wenn sie nach Schule und Phase der Orientierung eine Ausbildung beginnen, ist offenbar in der SPD nicht bekannt. Der ZDK fürchtet, junge Menschen könnten sich lieber für eine besser bezahlte Hilfstätigkeit entscheiden. Ärgerlich an dieser Kritik ist nur, dass sie erst jetzt kommt. Während des Wahlkampfs konnte der Eindruck entstehen, bis auf ein paar Lohndrücker im Reinigungsgewerbe gebe es keine Opposition mehr zum Mindestlohn.