Bonn. Für Robert Rademacher ist der Petersberg bei Bonn, wo er vergangene Woche das Ruder des ZDK-Präsidenten an Jürgen Karpinski übergeben hat, kein unbekanntes Pflaster. „Ich habe hier schon drei Hochzeitsreden gehalten“, so Rademacher glänzend gelaunt, „alle drei Ehen sind gescheitert.“ Ob die zwischen Karpinski und dem ZDK halten wird, steht nicht fest. Sicher ist: Sie wird manche Krise überstehen müssen. Denn die Lage des deutschen Kfz-Gewerbes – und damit auch seines Zentralverbands – ist längst nicht so rosig, wie die harmonische Stabübergabe vermuten lässt. Die Liste der Probleme ist lang – und einfache Lösungen sind nicht in Sicht.
Auch wenn die Zahl der Insolvenzen seit einigen Jahren rückläufig ist: Die Branche steckt noch immer mitten in einem Konsolidierungsprozess. 2020 soll es dem Institut für Automobilwirtschaft zufolge nur noch 4500 eigenständige Händler und Handelsgruppen geben. Vizedirektor Stefan Reindl hält viele Handels- und Servicenetze für überbesetzt. Kein Wunder, dass die durchschnittliche Umsatzrendite mit zuletzt 1,4 Prozent nicht gerade berauschend ist. Denn der klassische Handel – und zunehmend auch der sonst für verlässliche Einkünfte sorgende Servicebereich – leidet unter einem massiven Preiswettbewerb, der durch das Internet zusätzlich angeheizt wird. Die Zahl der Neuwagen, die tatsächlich über Onlinevermittler werden, mag noch klein sein, die Preisvorstellungen vieler Kunden werden aber schon jetzt von diesen Angeboten bestimmt. Bemühungen des ZDK, hier gemeinsam mit den Herstellern Gegenangebote aufzubauen, haben bisher keine Erfolg versprechenden Ergebnisse gezeigt. Karpinski hat das Thema Internet inzwischen zur Chefsache erklärt.
Von dem, was an Rendite bleibt, müssen Autohäuser gebaut werden, die den CI-Vorstellungen der Hersteller entsprechen. Und auch in den Service will investiert sein. Wer sich weigert, fliegt schnell. Denn das Kräfteverhältnis zwischen einem Händler und einem milliardenschweren Hersteller ist eindeutig. Auch weil die rechtliche Lage in Deutschland und Europa nicht zugunsten der Händler steht. Erst recht nicht seit dem Auslaufen der alten GVO. Freiwillige Verhaltensregeln zwischen Herstellern und Handel sollten hier Abhilfe schaffen. Doch bisher stehen die Konzerne bei den Verhandlungen auf der Bremse. Hier wäre Bewegung dringend nötig.
Und die Liste der Herausforderungen ist noch nicht zu Ende: Der Nachwuchs an Fachkräften will sichergestellt sein. Die Elektromobilität fordert die Betriebe technisch und droht wegen geringerer Wartungsintensität gleichzeitig, das Werkstattgeschäft zu verderben. Wachstum geht angesichts eines gesättigten Markts nur auf Kosten der anderen. Vor dem Kfz-Gewerbe liegen schwierige Zeiten. Wenn die Verteilungskämpfe sich verschärfen, könnte auf Karpinski dieselbe Herausforderung zukommen, die sein Vorgänger Rademacher zu Beginn seiner Amtszeit zu lösen hatte: den Verband zusammenzuhalten.
Rademacher habe den ZDK „aus unruhigen in ruhige Fahrwasser geleitet“, lobte sein Stellvertreter Ulrich Fromme den scheidenden Präsidenten für seine Leistung. Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, betonte, Rademacher habe es geschafft, aus vielen Einzelspielern, die alle versucht hätten, auf das Tor zu schießen, eine schlagkräftige Mannschaft zu formen. Und VDIK-Präsident Volker Lange würdigte ihn als "Gentleman der Automobilwirtschaft". So viel Lob am Ende der eigenen Amtszeit muss sich Karpinski erst verdienen. Zumindest zwei Voraussetzungen dafür sind gegeben: Es gibt genügend Herausforderungen, an denen er sich beweisen kann. Und Karpinski ist zupackend genug, sie anzugehen. Kurswechsel sind von ihm aber nicht zu erwarten. Schließlich saß er während der gesamten Amtszeit Rademachers im Präsidium. Auch jetzt versichert er, keinen Paradigmenwechsel einleiten zu wollen: "Bereits unsere Vorgänger haben automobile Revolutionen er- und überlebt."