Sunnyvale. Seit vergangenem Winter hat Jungwirth ein Headquarter in Sunnyvale. Im Epizentrum der Elektronikentwicklung ist Jungwirth Hausherr eines Glaspalasts, in dem derzeit über 100 Mitarbeiter forschen. Wie wichtig das den Schwaben ist, zeigt nicht nur der Mietvertrag fürs Gebäude, sagt Jungwirth, der gleich für zwölf statt der üblichen sieben Jahre unterschrieben hat. Man sieht es auch an den Stellenausschreibungen: „Wir wollen unser Personal bis Ende nächsten Jahres mehr als verdoppeln, denn das Silicon Valley ist für uns mittlerweile fast so wichtig wie das Entwicklungszentrum daheim in Sindelfingen.“ Für das Silicon Valley spricht natürlich vor allem die Nachbarschaft zu Innovationstreibern wie Google, Apple und Nest. „Man trifft sich regelmäßig zum Essen, es gibt private Kontakte und hier wie dort ehemalige Mitarbeiter, die mittlerweile die Seiten gewechselt haben. So kann man einen viel direkteren Dialog pflegen als in Telefonkonferenzen über den Atlantik.“ Aber Jungwirth spricht auch von einer ganz eigenen Kultur, ohne die viele Innovationen nicht möglich wären. In Deutschland müsse man immer erst Skeptiker überzeugen. „Hier dagegen sagt man: ,Klasse, probier’s aus.‘“ Wer scheitere, ernte kein Mitleid, sondern trotzdem Applaus. „Hier im Valley weiß man, dass auf einen erfolgreichen Versuch 100 Fehler kommen, und honoriert den Mut, es immer wieder zu versuchen.“ Neben der Elektronik-Architektur künftiger Serienmodelle hat der Standort im Silicon Valley vor allem Anzeige- und Bedienkonzepte, die Vernetzung des Autos mit der Infrastruktur und der gesamten privaten Lebenswelt sowie das Interieur im autonomen Fahrzeug auf der Agenda. Wo und wie wird künftig die Flut der Daten übermittelt, die auf den Fahrer einströmt? Wie kann man am Steuer seine Wünsche an den Wagen äußern und welche erkennt das Fahrzeug vielleicht gar von selbst? Und was stellt man mit seiner Zeit hinter dem Lenkrad an, wenn der Autopilot das Kommando führt? Das sind die Fragen, denen Mercedes in Sunnyvale nachgeht. Vor diesem Hintergrund ist es denkbar unwahrscheinlich, dass Jungwirths Mannschaft viel Zeit für die Sofas und Sessel finden wird, die überall auf den Terrassen und unten im Hof stehen: „In den nächsten zehn Jahren wird im Auto mehr passieren als in den letzten fünf Jahrzehnten“, ist Jungwirth überzeugt. „Und das meiste davon wird hier im Silicon Valley seinen Ausgang nehmen.“
IT-Mekka
Silicon Valley statt Sindelfingen
Der Standort Silicon Valley wird für Autohersteller immer wichtiger. Waren die Außenstellen im Vorgarten von Google, Apple & Co. früher belächelte Spielwiesen für Visionäre und Vorausentwickler, leisten Ingenieure und Programmierer in Kalifornien mittlerweile einen wachsenden Beitrag zu aktuellen Serienprojekten. „Früher haben wir 90 Prozent Forschung und zehn Prozent Serienentwicklung betrieben, heute ist das Verhältnis nahezu umgekehrt“, sagt Johann Jungwirth, der Mercedes-Benz Research & Development North America (MBRDNA) leitet.