Rüsselsheim. Entwickelt wurde das Vistra genannte System in einem EU-Forschungsprojekt, an dem sich Opel beteiligt hat. Binnen knapp drei Jahren wurde ein System entwickelt, das weitgehend automatisch arbeitet. Wo bislang Experten händisch Montage- und Trainingspläne erstellt und immer wieder geändert haben, werden Übungseinheiten nun per Mausklick generiert. „Wir laden ohnehin vorhandene Datensätze für die rund 13.000 Einzelteile eines Autos sowie die digitalisierten Werkzeuge und Maschinen auf den Rechner und haben wenig später alle 1200 einzelnen Montageschritte zerlegt und die passenden Trainingseinheiten dazu“, erläutert Arlt. Das funktioniert für Opel Astra oder Karl genauso wie für einen kleinen Lkw in einem US-Werk von General Motors. Und das System lässt sich für jeden anderen Hersteller anpassen. Deshalb registriert Arlt reges Interesse der Konkurrenz und freut sich über den Zeitvorsprung, den Opel durch das EU-Projekt hat: „Während für uns alle Schnittstellen der Software wie maßgeschneidert sind, müssen andere Hersteller vieles neu programmieren lassen, wenn sie das System nutzen wollen.“ Die Vorteile von Vistra sind frappierend, nicht nur, weil die Geräte gerade einmal 600 Euro kosten. Statt wie bislang während des Modellwechsels Hunderte Fahrzeuge allein zu Trainingszwecken zusammenzuschrauben, zu demontieren, neu aufzubauen und am Ende direkt auf den Schrott zu fahren, stehen die Werker künftig vor einer Leinwand, haben den Controller einer Wii-Konsole in der Hand und werden dabei von einer Microsoft- Kinect-Kamera beobachtet, wie sie in der 3-D-Projektion herumhantieren: Sie wählen einzelne Bauteile, Schrauben oder Schlüssel aus, montieren Steuergeräte, klipsen Kabelbäume in die Karosse oder schrauben die Räder auf die Achsen. Dabei achtet Kollege Computer nicht nur auf die richtige Reihenfolge der Komponenten, kontrolliert den richtigen Sitz und passt auf, dass auch alle Schrauben angezogen werden. Der Rechner stoppt auch die Zeit. Schließlich bleiben für einzelne Fertigungsschritte oft nur 18 oder 20 Sekunden, wenn alle 60 Sekunden ein fertiges Auto vom Band rollen soll.
Simulation an der Wii
Verspielte Techniker
Opel macht den Autobau zum Kinderspiel: Die Rüsselsheimer setzen ab 2015 als erster Hersteller Spielkonsolen im Training der Monteure ein. „Mit diesen virtuellen Übungseinheiten wollen wir nicht nur Aufwand und Kosten für das Training bei einem Modellwechsel reduzieren“, sagte Projektleiter Frank Arlt der Automobilwoche. Auch Produktionsanläufe könnten so beschleunigt und die Fehlerquote gesenkt werden. Bei Testläufen haben die an der Konsole trainierten Probanden bis zu 40 Prozent besser abgeschnitten als Kollegen mit konventionellem Training.
Reales Training bleibt wichtig
„Jeder trainiert nur die Arbeitsschritte, die er später auch am Band ausführt“, sagt Arlt. Das kommt bei den Mitarbeitern gut an, denn das Wii-Training ist nicht nur interaktiv, es kommt auch den Arbeitsabläufen der Mannschaft entgegen. „Ein Montagearbeiter sitzt nun mal nicht gerne am Schreibtisch vor einem Computer“, sagt Arlt. Und die Simulation macht offenbar Spaß: „Nicht umsonst wollten viele Mitarbeiter sogar freiwillig weitertrainieren“, sagt der Projektleiter. Dennoch plädiert er für ein 50:50-Verhältnis zwischen virtuellem und realem Produktionstraining: „Denn bevor man ein neues Auto zusammenschraubt, sollte man Teile und Werkzeuge doch einmal in der Hand gehabt haben.“