Die Regierung habe die falsche Strategie bei der Digitalisierung. So urteilte in der vergangenen Woche die Expertenkommission Forschung und Innovation. Wir laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Doch liegt das nur an der Politik? Was machen Industrie und Wirtschaft? Diskutiert man dort nicht oft lieber komplexe Systeme als einfache Lösungen? Deutsches Denken und angelsächsisches KISS-Prinzip gehen scheinbar nicht gut zusammen. Die App von Uber kostete weniger als 100.000 Dollar. Jeder von uns hätte sie entwickeln lassen können, mit oder ohne KfW-Darlehen. Vielleicht verhindert dieser deutsche Hang zur Perfektion, dass wir bei der Digitalisierung vorn dabei sind. Die gewachsene Kultur des proprietären Denkens, die man bei der Automobilwoche Konferenz "Big Data – Car Data" spüren konnte, tut dann noch ihr Übriges. Wenn Autos kommunizieren sollen, ist es nur logisch, dass all jene Firmen kollaborieren, die diese Autos bauen, Teile, Software oder Services liefern. Aber noch glauben wohl zu viele Hersteller, sie könnten es alleine.
Noch schlechter bestellt ist es um die Digitalisierung im Handel. Die meisten Autohäuser arbeiten schlicht nur analog. Heute kennt jeder die Fakten zur Customer Journey. Die Reise des Autokäufers beginnt digital im Netz und endet analog im Autohaus. Vertriebsprogramme wie BMW Future Retail oder die kommende "Handelsintegration Deutschland" bei Volkswagen zielen richtigerweise darauf, den Kunden an jedem Punkt dieser Reise zu begleiten. Dazu muss sich der Handel schneller bewegen. In der Tat gibt es Autohändler, die dieser Entwicklung schon weit voraus sind. Angeblich pilgern Autobosse in das Bluewater Shopping Centre östlich von London. Zu Simon Dixon, der das klassische Vertriebsgeschäft bei Ford gelernt hat. Heute verkauft er Hyundai und verfolgt ein radikal anderes Geschäftsmodell. Es ist so einfach wie sein Slogan: "We are changing car buying for good." 1000 Autos verkauft Rockar im Jahr, auf ganzen 40 Quadratmetern. Natürlich hat Simon Dixon einen Vorteil. Er ist Engländer und tut sich wahrscheinlich leichter mit "Keep it simple and stupid".