Sie passt ins Management eines Zulieferers wie ein Regenbogenfisch in einen Schwarm von Heringen. Denn unter all den Technokraten im dunklen Zweireiher bei Continental ist Seval Oz ein schillernder Farbklecks – und zwar nicht nur, weil die Chefin von Intelligent Transportation Systems gerne in glitzernden Sneakers auftritt. Sondern vor allem, weil die Betriebswirtschaftlerin so erfrischend fremd wirkt in der Autowelt. Nicht umsonst hat Continental sie 2014 aus dem Auto-Projekt von Google abgeworben.
Das Image des Paradiesvogels ist die 1962 in Atlanta geborene Managerin gewohnt. Die Familie ist von altem türkischen Adel, der Vater der vielleicht berühmteste Herzchirurg in den USA, der Bruder ein angesehener TV-Doktor und sie angeblich befreundet mit Hillary Clinton. Dagegen ist der Weg vom Wellesley College für bessere Töchter über das angesehene Massachusetts Institute of Technology (MIT) und die Wall Street ins Silicon Valley fast schon unspektakulär. Dass jemand aus der Welt der Bits und Bytes ins Blech-und-Benzin-Geschäft wechselt, wundert schon eher. Erst recht, weil doch gerade die ganze PS-Welt ins Silicon Valley will. "Ich schwimme immer gegen den Strom", sagt Oz. Wie ein guter Libero will sie nicht dort stehen, wo der Ball gerade ist, sondern dort, wo er hinrollt, sagt sie. Sie sieht den Ball in Richtung Auto-Welt rollen. Denn die IT-Welt wird ihrer Einschätzung nach jetzt das Tempo rausnehmen, Entwicklungen absichern und deshalb die nächsten drei bis fünf Jahre durchatmen müssen, während die vermeintlich alte Industrie gerade Fahrt aufnimmt. Und im Silicon Valley würde sie wohl nie die Hardware, nie ein Auto bauen. Aber darin sieht sie nach wie vor das große Geschäft, selbst wenn sich Nutzerprofile und Eigentumsverhältnisse stark verändern.
Oz träumt zwar vom vernetzten Auto, das Päckchen allein von der Post holt, in dem sie den Film fertigschauen kann, der beim Frühstück im Fernsehen lief, und das sie im Stau noch ein paar Minuten dösen lässt. Doch eines möchte sie nicht missen: "Den Spaß am Autofahren." Da schwimmt der Regenbogenfisch dann doch im Schwarm der Heringe mit.