St. Georgen. Hi-Fi-Enthusiasten schwärmen noch immer vom hervorragenden Klang ihrer legendären Dual-Schallplattenspieler. Mitverantwortlich dafür zeichnete ein Außenläufermotor mit äußerst präzisem Gleichlauf. Diesen hatte einst Hermann Papst (1902 – 1981) erfunden. Der geniale Ingenieur war Gründer und zugleich Namensgeber der Firma im Schwarzwald, die Anfang der 90er-Jahre von seinen Söhnen an die EBM-Werke verkauft wurde und in der EBM-Papst-Gruppe mit Hauptsitz im baden-württembergischen Mulfingen aufging.
Heute fertigt EBM-Papst St. Georgen in einem ehemaligen Dual-Werk bürstenlose Elektroantriebe für die Lenkhilfen von Audi und BMW, Aktuatoren für die Verstellung der Hinterräder von Porsche 911 Turbo und GT3, Sensorgebläse für die Klimaanlagen diverser Mercedes-Benz-Modelle, Lüfter für die LED-Kühlung von Hella-Scheinwerfern und energiesparende Außenläufermotoren für die Denox-Systeme von Bosch. Auch kompakte Ventilatoren für die 1998 erstmals bei der S-Klasse in Serie eingeführte Sitzklimatisierung gehören zum Portfolio. Das Automotive-Geschäft der St. Georgener umfasst heute fast 40 Prozent des Umsatzes von 318 Millionen Euro (Geschäftsjahr 2014/2015). Das Segment steuerte wesentlich zu den teils zweistelligen Wachstumsraten der vergangenen Jahre bei.
Neue Produktanläufe
Künftig soll die Umsatzkurve im Automobilbereich noch steiler nach oben klettern. „Allein in diesem Jahr rechnen wir mit zwölf neuen Produktanläufen. Gleichzeitig nehmen die Volumina der Aufträge zu“, sagt Dirk Schallock, seit 2009 Geschäftsführer von EBM-Papst St. Georgen. Deshalb hält er in fünf Jahren einen Automotive-Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro für realistisch. Um das Wachstum stemmen zu können, investiert das Unternehmen in neue Prüfstände, Entwicklungslabors und Fertigungsanlagen. Das im Herbst 2014 für 2,5 Millionen Euro eingeweihte Technikum in St. Georgen ermöglicht aerodynamische und akustische Messversuche direkt am Pkw.
Ein auf der grünen Wiese in St. Georgen geplantes neues Werk schafft Platz in der Hauptverwaltung mitten in der Stadt. Dieser kommt auch dem permanent aufgestockten Entwicklerteam zugute. Und den Standort Herbolzheim im Rheintal baut die Konzernführung sukzessive zu einem Hochtechnologie-Kompetenzzentrum für die Autoindustrie aus. Auf die dort seit 2012 installierten Sauberräume, die der VDA-Norm 19 beziehungsweise 19.2 entsprechen, ist Schallock besonders stolz. In diesem abgeschotteten Bereich sind laut Werkleiter Henning Stemler Verunreinigungen durch Partikel mit einer Größe über 150 Mikrometer vermeidbar. Die unter diesen Vorgaben gefertigten Motoren treiben Ölpumpen an, die in Start-Stopp-Systemen oder Doppelkupplungsgetrieben zum Einsatz kommen. Kunden sind Audi, Mercedes-Benz, Porsche und VW.
Mit solchen Hightech-Einrichtungen sieht sich Schallock gegenüber dem Wettbewerb auf der Überholspur: „Wir zählen überhaupt zu den ersten Unternehmen im Motorenbereich, die über eine derartige Sauberfertigung mit höchster Prozesssicherheit verfügen und so eine strikte Nullfehler-Strategie verfolgen können.“ Das vor Kurzem mit dem Mulfinger Konzern in Schanghai in Betrieb genommene Werk verrät, welche wichtige Rolle die Globalisierung für den Zulieferer einnimmt. Das Ziel des St. Georgener Unternehmenschefs: Er will nicht nur mit den internationalen Ablegern der deutschen, sondern vor allem auch mit den immer wichtiger werdenden chinesischen Autoherstellern zusätzlichen Umsatz generieren. Auch Nordamerikaner wie General Motors, Ford und Chrysler hat Schallock in Zukunft noch stärker im Visier.