Es war Juni und es war heiß im Piemont. Giorgio Giugiaro hatte zum 40. Geburtstag von Italdesign geladen, der Styling-Schmiede, die er 1968 gegründet hatte. Stilikonen wie der Ferrari 250 GTO, der BMW M1 oder einfach „tolle Kisten“ wie der Fiat Panda hatte der Meister des automobilen Designs auf dem Firmengelände in Position gebracht. Auch der Golf I fehlte natürlich nicht.
Giugiaros Design entschied damals mit über Wohl und Wehe von Volkswagen. Denn nach dem Käfer brauchte man einen großen Wurf. Sicher auch deshalb war einer der größten Bewunderer von Giugiaro gekommen. Ferdinand Piëch stand mit seiner Gattin neben dem Nardo, dem VW-Konzeptfahrzeug, das er und Giugiaro Ende der 90er gemeinsam entwickelt hatten. Der „Auto-Manager des Jahrhunderts“ und der „Auto-Designer des Jahrhunderts“. Piëch nennt ihn Maestro. Doch die Bewunderung ist gegenseitig. Giorgio und sein Sohn Fabrizio schwärmten oft von der strukturierten Arbeitsweise und der technologischen Kompetenz, die Piëch bei Volkswagen verkörperte.
2010 übernahm der VW-Konzern dann 90 Prozent an Italdesign Giugiaro. Doch bald gab es erste Hinweise darauf, dass die neuen Strukturen der Freude am kreativen Schaffen bisweilen im Wege standen. Auch das kurze Gastspiel eines im vergangenen Jahr aus Ingolstadt entsandten Chefdesigners konnte daran nichts ändern. War der Blechschaden an der Giugiaro-Studie, entstanden bei einem missglückten Rangiermanöver vor dem VW-Konzernabend in Genf, ein Vorzeichen? Mit 77 Jahren dankte Giorgio Giugiaro Anfang Juli ab und ließ verlauten, er gehe in Pension. Obgleich Piëch einmal zu ihm gesagt haben soll: „Männer wie wir können nicht in Rente gehen.“ Giorgio und Fabrizio haben ihre restlichen Anteile an den VW-Konzern verkauft. Erkauften sie sich damit die alte Freiheit? Was Italdesign jetzt wert ist, ohne den Grandseigneur des Automobildesigns, wird sich zeigen. Ich kann mir vorstellen, dass bei den Giugiaros das Telefon nicht stillsteht. Giugiaro ist zurück im Markt. Freuen wir uns auf den nächsten großen Wurf.