Sindelfingen. In einem ganz speziellen Licht, das mit sogenannten Flaps an der verglasten Decke auf Knopfdruck variiert werden kann, präsentiert Designchef Gorden Wagener hier dem Vorstand regelmäßig die Entwürfe seiner Mannschaft und gibt sie zur Abstimmung frei. „Dieser Raum ist das Herz der Marke“, sagt Wagener stolz – und es schlägt in einem schnellen Takt. Denn nicht nur die Zahl der Modelle und Varianten hat rapide zugenommen und beschert seiner Mannschaft damit reichlich Arbeit. Auch die Bedeutung seiner Zunft ist stark gewachsen: „Design ist mittlerweile zu einem der wichtigsten Kaufkriterien geworden. Entsprechend groß ist die Bedeutung des Designcenters im Entwicklungsprozess“, sagt Wagener. Aber eine Präsentationhalle allein reicht Wagener und seinem Team schon lange nicht mehr. Längst müssen hier in Sindelfingen auch Autos begutachtet und Entwürfe entschieden werden, die es physisch noch gar nicht gibt. Deshalb treffen sich Vordenker und Vorstand mittlerweile fast genauso oft im abgedunkelten Raum mit der Powerwall, einem Hightech-Kino, in dem aufwendige Computertechnik den Blick in die Zukunft der Marke erlaubt – und zwar dreidimensional, aus jeder Perspektive und in jedem Maßstab. Was in der Präsentationhalle oder an der Powerwall gezeigt wird, das haben Designer, Programmierer und Modelleure zuvor in einem der sieben Finger erarbeitet, die sich wie ein Fächer um den Zentralbereich öffnen und rund 20.000 Quadratmeter Arbeitsfläche bieten. Jeder dieser Finger ist einer Disziplin gewidmet und so luftig gestaltet, dass die Ideen nicht an irgendwelchen Kommunikationsbarrieren hängenbleiben. Color & Trim, das Advanced Design, die Serienfahrzeuge und der Modellbau – jedes Fach hat seinen eigenen Bereich, und die einzelnen Etagen sind so offen konstruiert, dass man Theorie und Praxis kaum mehr trennen kann. Zwar ist das Designcenter in Sindelfingen mit seinen rund 500 Designern, Programmierern und Modelleuren aus über 20 Ländern das Kreativzentrum des Konzerns, doch haben die Stylisten längst ihre Antennen ausgefahren und spüren in eigenen Studios in Italien, Kalifornien und China den globalen Trends in einer immer enger zusammenrückenden Welt nach. Und Designchef Wagener nutzt die Satelliten am anderen Ende der Welt nicht nur als Trendscouts und Spezialisten für einzelne Arbeitsbereiche wie das Interieur (Como) oder die Benutzeroberflächen (Sunnyvale im Silicon Valley). Ihm hilft die globale Verteilung auch im alltäglichen Geschäft. „Denn wir haben mittlerweile so viele Baureihen und Modellvarianten, dass wir die Zeitverschiebung für uns nutzen und rund um die Uhr an der Zukunft arbeiten.“
Designcenter
Kreative Keimzelle des Konzerns
Die Ausweiskontrolle ist strenger als bei der Einreise in die USA, und alle Türen sind nur mit Magnetkarten oder Zahlenkombinationen zu öffnen: Kaum ein Raum im Werk Sindelfingen ist so gut gesichert wie die große Halle in dem beeindruckenden Gebäude von Stararchitekt Renzo Piano kurz hinter dem Haupttor. Aus gutem Grund: Der Saal, der leer so unspektakulär aussieht wie das Kulturzentrum einer Kleinstadt und eine ähnliche Größe hat, ist so etwas wie die kreative Keimzelle der gesamten Mercedes-Welt. Denn hier, in der Präsentationshalle, entscheidet sich, wie die Modelle von morgen aussehen werden.