München. Die Schwierigkeiten beginnen allerdings schon damit, dass Industrie 4.0 unterschiedlich interpretiert wird. Teilweise steht der Begriff für jegliche Digitalisierung von Entwicklung, Produktion, Produkt oder Marketing. Andere konzentrieren sich auf den ursprünglichen Kern des Begriffs: „Technisch gesehen geht es bei Industrie 4.0 um die Integration von cyber-physischen Systemen (CPS) in die Produktion und Logistik sowie um die Anwendung des Internets der Dinge und Dienste in industriellen Prozessen“, definiert etwa der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE). Der Industrie-4.0-Kerngedanke, den der VDE damit formuliert, lautet vereinfacht gesagt: Jede Maschine und jedes Werkstück wird zu einem cyber-physischen System, indem es sozusagen einen Avatar im Internet bekommt. Entweder direkt oder mithilfe sogenannter Software-Agenten handeln sie untereinander etwa aus, welche Anlage oder Fertigungslinie gerade Kapazitäten für die Weiterbearbeitung eines Werkstücks frei hat. Flexibilität, Effizienz und Tempo der Produktion könnten so enorm gesteigert werden. Individuelle Produkte wären einfacher herzustellen. Hemmschwellen bei der Umsetzung sind – neben der Zurückhaltung vieler Unternehmen – fehlende Standards, ungelöste Probleme bei der IT-Security und mangelndes Wissen zum Thema. Die Berater der Porsche-Tochter MHP kamen in einer Studie zu folgendem Ergebnis: In der Fertigungsindustrie insgesamt konnten 24 Prozent der Befragten mit dem Begriff Industrie 4.0 nichts anfangen. Bei Automobilherstellern lag die Quote bei 34 Prozent.
Unternehmen zurückhaltend
Um konkrete Beispiele zu finden, bat die Automobilwoche fünf Autohersteller und Zulieferer um Informationen zu ihrem Stand der Industrie-4.0-Umsetzung. Nur ein einziges Unternehmen gab Auskunft: Bosch. Auch wenn dies nur eine Stichprobe ist, spricht das nicht dafür, dass das Thema in der Branche höchste Priorität genießt. Gute Umsetzungsbeispiele existieren durchaus bei Autoherstellern und -zulieferern. Bosch etwa erzielte mit vernetzter Produktion bei Dieseleinspritzdüsen eine um zehn Prozent verbesserte Produktivität in der Logistik und konnte Lagerbestände um ein Drittel abbauen. Bosch Rexroth erhielt für eine Montagelinie, auf der die Produkte sich an den Bearbeitungsstationen per RFID identifizieren, einen „Industrie 4.0 Award“. BorgWarner bekam beim gleichen Wettbewerb einen Sonderpreis für seine neue Software zur Optimierung der Personaleinsatzplanung. Bosch treibt zudem die Entwicklung von Standards für die Kommunikation in Industrie- 4.0-Anwendungen voran und arbeitet fast als einziger Automobilzulieferer im Industrial Internet Consortium mit. Das Rennen um die Führung beim Thema Industrie 4.0 hat erst begonnen. Der VDE feilt gerade an einer Studie, die er bei der Hannover Messe vorstellen will. Titel: „Deutschland zwischen Pole Position und Abstiegskampf“. Der Ausgang ist offen.