Bietigheim-Bissingen. Jacques Aschenbroich ist blendender Laune. Gerade hat der Valeo-Chef den Erweiterungsbau des Forschungs- und Entwicklungszentrums für Fahrerassistenz- und Bediensysteme in Bietigheim-Bissingen eingeweiht und dabei mit einem Augenzwinkern verkündet: Valeo wachse „zu schnell“ – man müsse schon die nächste Erweiterung ins Auge fassen.
Herr Aschenbroich, im ersten Quartal 2015 ist Valeo um sechs Prozentpunkte stärker gewachsen als der weltweite Automobilmarkt. Wird es so weitergehen?
Im ersten Quartal stieg unser Umsatz um knapp zehn Prozent. Die Ergebnisse für das erste Halbjahr liegen erst Ende Juli vor. Aber unser Auftragseingang – also der Umsatz der Zukunft – wächst im ersten Halbjahr extrem stark. Wir wollen auch in Zukunft um etwa fünf Prozentpunkte stärker wachsen als der Markt. 2020 wollen wir mehr als 20 Milliarden Euro Umsatz erreichen (2014: 12,7 Milliarden, Anm.d.Red.)
Wichtig sind auch die Margen. Die geraten in der Erstausrüstung immer stärker unter Druck – ist der Aftermarket für Sie eine attraktivere Alternative?
Zunächst: Bei unserem Auftragseingang für die Erstausrüstung sinken die Margen nicht, sondern sie steigen, weil wir sehr viele neue Produkte auf den Markt bringen. Dafür investieren wir mehr als zehn Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Damit und mit effizienter Produktion können wir unsere Margen schützen. In den letzten Jahren konnten wir unser Ebit verdoppeln. Ausgehend von 7,2 Prozent 2014 wollen wir 2020 acht bis neun Prozent erreichen.
Wie ist die Situation im Aftermarket?
Dieses Segment ist für uns extrem wichtig, auch weil die Profitabilität dort besser ist. Statt zehn oder 15 Kunden im Erstausrüstergeschäft haben wir hier Tausende Kunden, die Produkte, Service und Distributionsleistungen von uns benötigen.
Welche Produkte tragen Ihr Wachstum in der Erstausrüstung?
Alle unsere Produktbereiche wachsen stark. Am stärksten ist das Wachstum im Bereich Comfort und Driving Assistance sowie in der Fahrzeugbeleuchtung. Aber auch Thermal Systems und Powertrain Systems legen zu.
Zum Valeo-Bereich Powertrain gehören auch Starter-Generatoren. Bosch will sein Starter-Generatoren-Geschäft ausgliedern. Wollen Sie das übernehmen?
Das wäre aus kartellrechtlichen Gründen wahrscheinlich nicht möglich. Wir sind weltweit die Nummer eins in diesem Bereich.
Ist Valeo in diesem Feld auch technologisch der Spitzenreiter?
Das nehmen wir an. Angesichts unserer anspruchsvollen Kunden wäre es kaum möglich, Marktführer zu sein und technologisch nicht an der Spitze zu stehen.
Wo stehen Sie bei Fahrerassistenzsystemen?
Auch hier sind wir weltweit mit Abstand die Nummer eins. Wir glauben, dass wir die beste Produktpalette der Welt für solche Anwendungen haben: Ultraschallsensoren, Kameras, Radar. Und wir sind die Ersten, die für einen Laserscanner bereits einen Kundenauftrag haben. Im Teilbereich ADAS – also bei den Advanced Driver Assistance Systems – möchten wir Nummer drei werden.
Andere große Tier-1-Zulieferer wollen ihre eigene Zulieferbasis verkleinern und nur noch mit Lieferanten arbeiten, die sie weltweit beliefern können. Verfolgt Valeo ebenfalls diesen Ansatz?
Ja, unsere Strategie ist ähnlich. Schritt für Schritt müssen wir unsere Lieferantenbasis in den nächsten Jahren optimieren. Dabei ist nicht die Zahl der verbleibenden Lieferanten das Ziel. Auch kleine Lieferanten werden uns künftig noch beliefern. Wir wollen die besten Zulieferer – solche, die uns begleiten können in der Technologie, in den weltweit wachsenden Märkten und bei den Preisen.
Der Markt in China schwächelt, Die übrigen BRIC-Länder Brasilien, Russland und Indien haben die Erwartungen nicht erfüllt. Tun sich alternative Wachstumsmärkte auf?
Die Entwicklung in China war absehbar. Denn üblicherweise wächst der Automarkt ähnlich stark wie das Bruttoinlandsprodukt. In China kehrt der Automobilmarkt nun in diesen Normalbereich zurück. Doch wir werden in China etwa doppelt so stark wachsen wie der Markt. In Südamerika und Russland haben wir in der Tat viele Probleme. Die Märkte schrumpfen, die interne Inflation wächst ebenso wie die durch Währungsabwertungen bedingte externe Inflation. Wir müssen dort also die Preise erhöhen. Aber der Markt in Indien wächst dafür inzwischen sehr schnell.
Welche Rolle spielen für Valeo die originär chinesischen Automobilhersteller als Kunden?
Die chinesischen Hersteller gewinnen zurzeit Marktanteile zurück. Ihr Anteil war von etwa 50 auf rund 40 Prozent gesunken. Aber aktuell wachsen sie schneller als die Joint Ventures internationaler Hersteller. Das spiegelt sich auch in unserem Geschäft wieder. Aktuell entfallen 20 Prozent unseres Chinageschäfts auf die chinesischen Automobilhersteller. Bei den Auftragseingängen liegt ihr Anteil inzwischen bei mehr als 30 Prozent.
Sehen Sie die ASEAN-Region als attraktiven Markt an?
Ganz Asien ist für uns ein wichtiger Markt. Von 2009 bis 2014 stieg der Anteil unseres Asiengeschäfts von etwa zwölf auf rund 28 Prozent. Wir wachsen in Asien in Japan, in Korea, in China, in Indien. Wir sind stark in Thailand. Und über Thailand hinaus beginnen wir jetzt, in Indonesien mit einigen unserer Bereiche zu wachsen, vor allem mit Thermal Systems und Scheibenwischern. Über eine Tochtergesellschaft in Japan wachsen wir in Indonesien und Malaysia auch im Beleuchtungsgeschäft.