Wie wichtig sind IT-Konzerne für die Automobilindustrie?
Das Auto beinhaltet mehr IT und besteht auch immer mehr aus IT als vielen Menschen bewusst ist. Da ist zu einem der Fertigungsprozess, der mit immer komplexerer Software immer stärker automatisiert wird. Wichtig ist zudem auch der Prozess, wie das Auto, wenn es gefertigt ist, zum Kunden kommt. Das zeigt, dass mittlerweile die Verwobenheit und die Durchdringung von IT in der Automobilindustrie in einem Höchstmaß vorhanden ist. Ich behaupte, ohne IT wird es gar kein Auto mehr geben, wird kein Auto mehr gefertigt werden und kommt auch kein Kunde mehr an ein Auto ran.
Früher haben sich Kunden im Autohaus vom guten Ambiente, von schicken Karosserieformen und von einer tollen Formsprache begeistern lassen. Einige Male ist der Kunde ins Autohaus gegangen, hat sich das Auto angeschaut und es sich bis ins Detail erklären lassen. Heute kommt der Kunde in den Showroom und ist über das Internet oftmals weit besser informiert als der Verkäufer selbst. Der Händler hat also eine Chance, das Fahrzeug zu verkaufen, und das ist der Moment, wenn die Leute ins Autohaus kommen. Darauf müssen die Händler vorbereitet sein.
Und letztlich ist ein Auto ein fahrendes Data-Center, das ganze Rechnerparks verbaut hat – und das, obwohl es noch nicht einmal autonom fährt. Das zeigt: Ohne IT ist das Auto nicht mehr denkbar.
Geben Sie einen Einblick in die Zusammenarbeit: Sieht die Autoindustrie die IT-Konzerne und IT-Dienstleister als gleichwertige Partner?
Das Zulieferer-Management und auch einen großen Anteil der Fertigung gibt die Automobilindustrie außer Haus – und hat dies im Höchstmaße perfektioniert. Das gilt auch für Partnerschaften mit der IT-Industrie. Allerdings gibt es keinen allgemeinen Trend, den man ausmachen kann: Jeder arbeitet unterschiedlich eng mit Partnern zusammen. Zudem gibt es immer Phasen in denen ein Hersteller seine Kernprozesse überdenkt – gerade dann, wenn die Rendite nicht stimmt. Dann wird überlegt, ob man möglicherweise Prozesse wieder außer Haus geben sollte. So arbeitet die gesamte Industrie, also auch die Autoindustrie, und sie begleitet auf eine sehr clevere und smarte Weise diese Wellen im Markt.
Nimmt die Autoindustrie die Veränderungen, die gerade durch die Industrie 4.0 in den Markt drängen, gut auf?
Durch die Industrie 4.0 wird der Fertigungsprozess hochautomatisiert. Die Sensorik ist sehr günstig geworden und Daten lassen sich in großen Mengen sammeln, sichern und übertragen. Technisch sind Dinge möglich, die es in der Fertigung früher so nicht gab: Jeder Teil der Entwicklung kann bis ins kleinste Detail beim Zulieferer verfolgt werden. Dabei arbeiten Automobilhersteller durchaus mit den Technologieführern in diesem Markt zusammen. Die Industrie 4.0 fungiert als Beschleuniger für diese Offenheit in der Partnerschaft – und trotzdem sind immer gewissen Ängste dabei. Denn eine Frage wird immer gestellt: Wem gehören die Daten aus meiner Fertigung. Einige haben Angst, ihre Kernprozesse durch die Digitalisierung und Zusammenarbeit mit IT-Konzernen aus der Hand zu geben. Diese Sorgen verlangsamen diesen Trend etwas. Aber Vorsicht ist auch klug und ratsam, da die Automobilindustrie letztlich ja auch eine Domäne von Deutschland ist. Die Industrie will ihre Prozesse nicht ganz aus der Hand geben, will sich aber trotzdem so agil bewegen, dass ein Technologieland wie Deutschland seinen Wettbewerbsvorteil nicht verliert. Das ist eine Gratwanderung.
Was kann denn die Autoindustrie von der IT-Branche lernen?
Zunächst einmal ist es die Kompetenz der IT-Industrie, IT in guter Qualität mit hoher Innovationskraft und Effizienz herzustellen. Darum glaube ich, dass die Software für Automatisierung der Produktion immer von IT-Providern besser beherrscht wird. Betrachtet man das Auto an sich, wird auch hier prozentual der IT-Anteil wachsen. Das Auto besteht bildlich gesprochen immer weniger aus Blech und Glas als aus Software und IT-Funktionalitäten und -Möglichkeiten für den Kunden. Diese Software müssen Hersteller und IT-Industrie meiner Meinung nach gemeinsam entwickeln. Keiner wird auf Dauer dem Hersteller abstreiten können, dass er die Notwendigkeiten, was ein Automobil beherrschen muss, besser versteht und frühzeitig genug erkennt und die Trends setzt. Aber ohne die IT-Industrie, die den Hersteller im Markt begleitet, wird er künftig keine Autos entwickeln können. Betrachtet man als drittes den Kontakt zum Kunden muss man auch hier bedenken, dass die Autoindustrie enorm viel von der IT-Industrie profitieren kann. Die Beziehung zwischen Händlern und Kunden bietet durch vernetzte Geschäftsmodelle ganz neue Interaktionsmöglichkeiten. Da kann natürlich die Automobilindustrie enorm viel von der IT-Industrie lernen, die ja wiederum ein Sammelbecken für diese Ideen über alle Branchen hinweg ist.
Müssen die Autohersteller Angst vor der IT-Macht aus dem Silicon-Valley und vor Apple und Google haben?
Zunächst denke ich: Wettbewerb ist gut für das Geschäft. Und ich glaube, dass auch Tesla die Automobilindustrie enorm bewegt und die Debatte zur Elektromobilität vorangetrieben hat. Falls das eine Bedrohung für die Automobilindustrie war, hat sie gut reagiert. Wenn die These stimmt – und davon gehe ich aus – dass das autonome Fahren kommt, dann haben Apple und Google genauso ein Konzept im Markt wie die traditionellen Hersteller und sie müssen ernst genommen werden wie alle anderen. Dennoch bin ich der Meinung dass die Autohersteller einen Vorsprung haben, denn sie wissen, wie man ein gutes, sicheres und ästhetisches Auto baut. Diese 120-jährige Erfahrung können sie als Vorteil nutzen – aber nur, wenn sich die Hersteller den neuen digitalen Themen offen und nicht verschlossen gegenüber bewegen. Die Autoindustrie braucht gute, eigene Antworten auf das Google- oder Apple-Car genauso wie auf die Google-Brille oder die Apple-Watch.
Beim Thema Datenschutz reagieren Hersteller aber auch Kunden ziemlich sensibel. Agiert die Autoindustrie hier mit der nötigen Vorsicht?
Als Beispiel will ich das Stauwarnsystem von Google anführen. Dieses System basiert darauf, dass Google über das Telefon auf die Telefondaten zugreifen kann. Google sieht also, wo Sie sich in welches Netzt eingewählt haben und wie Ihr Bewegungsdatenmanagement ist. Wenn sich mehrere Google-Anwender kürzlich an einem Verkehrsknotenpunkt nicht mehr bewegt haben, kann man darauf schließen, dass dort ein Stau ist. Google nutzt also permanent unsere Daten. Wenn Googles Stauwarnung nicht mehr nur auf dem Handy, sondern über eine Vernetzung des Autos direkt im Fahrzeug dargestellt wird, bietet dies auf den ersten Blick nützliche Informationen. Andererseits, so die Meinung von Herstellern, kann über diese Schnittstelle willkürlich in die Fahrzeugführung eingegriffen werden. Darum gilt es für Hersteller, diese Schnittstellen zunächst einmal gut abzusichern – sehr oft unterstützen wir sie dabei und stellen sicher, dass die Daten von niemandem verwendet werden können, der sie nicht verwendet darf. Erst dann wird über die Hoheit der Daten gesprochen. Wer dann am Schluss mit diesen Daten arbeitet und wem wie gehören, ist eine Sache zwischen Hersteller und Kunden. Will der Kunde einen Mehrwert und von Car-to-Car-Kommunikation oder Stauwarnsystemen profitieren, müssen dafür Lösungen generiert werden. Zudem muss aber auch der Hersteller abwägen und entscheiden, mit wie vielen zusätzlichen Services noch sicheres Fahren garantiert werden kann.
Viele Kunden gehen mit dem Datenverkehr auf ihrem Smartphone sehr locker um – beim Auto hingegen wird immens auf Datenschutz und Sicherheit gepocht. Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?
Viele agieren leichtsinnig mit den Daten, die das eigene Smartphone generiert. Nicht umsonst haben wir das sichere Kanzlerphone angeboten, denn selbst Angela Merkels Handy war ja nicht sicher. Aber im Grunde entscheidet der Endverbraucher, wie viele Daten er frei- oder abgibt. In der Tat wird das Auto vor Viren und Schadsoftware viel, viel sicherer sein als so manches private Handy. Denn sobald nicht lizensierte Software oder Apps runtergeladen werden, öffnen Sie den Kanal für Schadsoftware. Aber man kann nicht sagen, dass beim Handy gar kein Aufwand für Sicherheitsvorkehrungen getroffen wird, und beim Auto im Gegenzug richtig viel. Ich denke, auch beim Handy sollte dies durchaus gute Praxis sein und ist es auch oft.
Wie sollte in Ihren Augen das Auto der Zukunft aussehen?
Es ist selbstfahrend und besitzt alle erdenkliche Kommunikation und IT, die ich um mich herum brauche. Ich will am liebsten im Auto nur noch Musik hören, meine Arbeit regeln und nichts mehr mit dem Fahren zu tun haben. Es soll mich sicher, effizient und zeitnah an mein Ziel bringen. Zudem wird das Auto mehr und mehr zur Informations- und Arbeitsumgebung als dass es eine Mobilitätsumgebung ist. Daimler, Audi und auch Google haben mit ihren Konzept-Autos gezeigt: Das autonome Fahren ist kein Hirngespinst, es ist greifbar. Und die Probleme, die es jetzt noch gibt, werden gelöst werden, da der Kunde sich genau so ein Auto wünscht.