Herr De Carlo, Sie sind Mitte April als Vorstandsvorsitzender zur Edag Gruppe gekommen. Wie lautet Ihr erstes Fazit?
Wir sind gut ins Jahr gestartet, der Markt bleibt sehr dynamisch und ich spüre im Unternehmen viele positive Impulse, so dass ich sehr optimistisch für die Zukunft bin.
Welchen Eindruck haben Sie nach den ersten knapp drei Monaten bei Edag gewonnen?
Die Glaubwürdigkeit und die Reputation der Edag am Markt ist unglaublich hoch. Wir werden von den Fahrzeugherstellern und von den Systemlieferanten als kompetenter und ganzheitlicher Engineering-Partner wahrgenommen. Ich entdecke hier im Unternehmen jeden Tag neue Ideen und Themen, die sich für Edag erfolgreich nutzen lassen. Mein vorheriger Arbeitgeber Altran war ein Generalist und ich freue mich jetzt für einen Entwicklungsspezialisten der Automobilindustrie zu arbeiten. Das ist einfach meine Leidenschaft und die Industrie, in der ich in den vergangenen Jahren viel mitgestalten durfte.
Wie hat sich bei Ihnen das internationale Geschäft entwickelt?
International läuft es sehr gut, vor allem was Märkte wie China und die USA betrifft. Auch in Spanien sind wir traditionell stark.
Was sind die Treiber für diese Entwicklung?
Vor allem die Themen Elektromobilität und Digitalisierung. Dank unserer E/E-Kompetenz in Kombination mit unserem Know-how in der Gesamtfahrzeug- und Produktionsanlagenentwicklung zählen wir zu den besten Adressen im Markt.
Wollen Sie das internationale Geschäft ausbauen?
Ja. Das internationale Geschäft der EDAG voranzutreiben sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben. 2017 haben wir zirka 27 Prozent unseres Umsatzes außerhalb Deutschlands erzielt. Ich bin überzeugt, dass es da noch viel Potenzial für uns gibt. Globale Projekte können nicht mehr an nur einem Standort bearbeitet werden. Wir sind schon heute in der Lage, die verschiedenen Arbeitspakete eines großen Projektes international zu verteilen.
Welchen Umsatzanteil wollen Sie international erreichen?
Dazu möchte ich derzeit noch nichts sagen. Nur so viel vorab: Wir erarbeiten derzeit eine Mittelfrist-Strategie und setzen uns neue Ziele für die kommenden Jahre. Ende August werden wir dann die Ergebnisse präsentieren.
Was ist der Treiber für die stärkere Internationalisierung?
Zum einen müssen die Produkte immer stärker an die lokalen Märkte angepasst werden. Zum anderen kommen die neuen Start-ups im Bereich Elektromobilität vor allem aus China und dem Silicon Valley. Hier sind wir mit unseren Kompetenzen sehr gut aufgestellt, um an den Wachstumschancen zu partizipieren.
Welche weiteren Akzente wollen Sie setzen?
Das sind die Themen Best-Cost-Countries und Effizienzsteigerung. Wir sind schon in Ost-Europa, Indien und Malaysia präsent, aber wir werden dieses Engagement weiterhin konsequent ausbauen. Den ersten Schritt haben wir gemacht, nun gilt es diese Märkte zu entwickeln. Der Grund für Entwicklungen in Best-Cost-Countries liegt aber nur zu einem Teil in den niedrigeren Kosten. Es geht vor allem auch um die Verfügbarkeit von Ressourcen, um unsere höchst innovativen Projekte weiterhin erfolgreich abzuwickeln.
Was meinen Sie damit?
Es ist immer schwieriger junge, dynamische Ingenieure zu finden. Dort wo Forschung und Entwicklung stattfindet, stehen nicht unbedingt auch die Ingenieure in ausreichender Anzahl zur Verfügung. Das heißt, Best-Cost-Countries sind für uns nicht nur eine Möglichkeit effizienter zu werden, sondern bieten die Chance neue Mitarbeiter an Bord zu holen, die die Leidenschaft mit uns teilen, die Mobilität der Zukunft neu zu gestalten.
Das heißt, in Deutschland fehlen Ihnen die Fachkräfte?
Junge Ingenieure mit Benzin im Blut wie man so schön sagt, sind nicht mehr so leicht zu finden wie noch vor 20 Jahren. Auf der anderen Seite spürt man in anderen Ländern durchaus die Begeisterung für deutsche Produkte und Innovationen. Da wir uns vor allem mit innovativen Themen beschäftigen brauchen wir auch Mitarbeiter die mit viel Leidenschaft etwas Neues schaffen wollen.
Sie unterstützen Byton und das vietnamesische Unternehmen VinFast bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen. Sind die Entwicklungsumfänge für Sie umfangreicher als in der Vergangenheit?
Wir waren zwar schon in der Vergangenheit mit Aufträgen zur Gesamtfahrzeugentwicklung betraut, aber wir spüren den Trend zu größeren Auftragsumfängen, weil den Kunden letztlich die Kapazität dafür fehlt und sie mehr Unterstützung von Firmen wie der Edag benötigen. Wir bereiten uns jedenfalls darauf vor, immer größere Umfänge übernehmen zu können.
Worin sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?
Unsere Kunden sind nicht mehr in der Lage die steigende Anzahl an Fahrzeug-Derivaten zu stemmen. Sie sind in einer Phase, in der sie ihre Kernkompetenzen neu definieren und Kapazitäten verschieben. Dadurch steigt die Outsourcing-Quote. Eine weitere gute Nachricht für Edag und andere Ingenieurdienstleister ist, dass die Ausgaben unserer Kunden im Bereich Forschung und Entwicklung steigen und wir davon profitieren werden. Doch nicht alle Ingenieurdienstleister zählen zu den Gewinnern.
Welche Kriterien müssen die Firmen dafür erfüllen?
Sie brauchen eine gewisse Größe und müssen in der Lage sein, Verantwortung für umfangreiche Pakete zu übernehmen. Ein umfassendes Know-how für die Themenfelder Fahrzeug- und Produktionsanlagenentwicklung sowie E/E ist zudem Pflicht.
Wo sehen Sie die Stärken der EDAG im Bereich E-Mobilität?
Zunächst einmal ist E-Mobilität eng verbunden mit den Themen Leichtbau, sowie autonomes und automatisiertes Fahren. Im Bereich E-Mobilität verfügen wir schon über große Kompetenzen bei der Batterieentwicklung sowie beim Testen von E-Antriebssträngen und -Architekturen. Wir sind in der Lage, das klassische Geschäft der Fahrzeugentwicklung mit neuen Antriebsformen zusammenzuführen. Es gibt nur wenige Akteure am Markt, die das können.
Müssen Sie noch Kompetenzen zukaufen?
Das entscheiden wir situativ. Im Bereich Elektrik/Elektronik, der für Edag sehr wichtig ist, wollen wir durch Akquisitionen und organisches Wachstum überproportional zulegen. Aber die Entwicklung von Technologien in diesem Bereich schreitet sehr schnell voran. Es gehört daher zu meinen Aufgaben sicherzustellen, dass wir immer zur Spitze gehören. Nur auf Ideen der Kunden zu reagieren, reicht nicht mehr aus. Wir wollen von unseren Kunden als Unternehmen gesehen werden, das eigene Ideen einbringt und diese dann gemeinsam mit den Kunden umsetzt. Das kann auch bedeuten, dass beide Partner gemeinschaftlich in eine Idee investieren und auch gemeinschaftlich davon profitieren.
Wie schnell wird sich so etwas durchsetzen?
Wenn ich mir neue Start-ups unter den Fahrzeugherstellern anschaue, dann werden wir solche Modelle in zwei bis fünf Jahren sehen. Tesla hat bereits vorgemacht wie ein solches Modell mit dem Zukauf von bestimmten Funktionen im Bereich autonomes Fahren funktionieren kann.
Soll Edag sich weiterhin auf das Automotivesegment fokussieren?
Wir haben heute genug Potenzial im Bereich Automobil und Mobilität. Das ist noch lange nicht ausgeschöpft. Wir wollen bei Automotive-Themen die weltweite Führungsposition einnehmen. Und auch bei den Mitarbeitern benötigen wir schon heute Spezialisten aus anderen Branchen. Wir stellen schon lange nicht mehr nur den klassischen Maschinenbauingenieur ein wie das noch vor 20 Jahren der Fall war.
Wie binden Sie Start-ups in Ihren Entwicklungsprozess ein?
Wir scannen den Markt nicht nur regelmäßig, sondern haben mit trive.me ein Start-up im eigenen Haus, dass für die weitere Entwicklung der Edag sehr wichtig ist und das wir ausbauen wollen. Aber wir werden vielleicht auch Start-ups akquirieren, beispielsweise wenn ein Unternehmen aus dem Bereich Elektrik/Elektronik ins Portfolio passt.
Bei Fahrzeugherstellern und Zulieferern sind Kooperationen derzeit in Mode. Sind Sie auch auf der Suche nach Kooperationspartnern?
Ich möchte allgemeiner antworten. Ich glaube, dass der Markt der Ingenieurdienstleister in Deutschland noch nicht reif dafür ist. Aber das wird sich ändern, wenn die derzeitige Konsolidierungsphase beendet ist. Dann wird es in der Branche sicherlich auch Überlegungen geben, wie sich Kräfte bündeln und Investitionen teilen lassen. Ich glaube, dass es dafür auch ein Verständnis bei unseren Kunden gibt.
Wo wollen Sie die Investitionsschwerpunkte legen?
Investitionen sind für mich mehr Technologie- und weniger Standortgetrieben. Wir investieren in Themen wie E-Mobilität, Leichtbau, Industrie 4.0 und additive Fertigung.
Gibt es neue Aufgaben, die auf die Branche der Entwicklungsdienstleister zukommen?
Ich erwarte eine Vertikalisierung des Angebots. Die Stückzahlen bei einigen Fahrzeugderivaten werden teilweise so gering sein, dass es sich für einen Fahrzeughersteller nicht lohnt, ein Auto in diesem Mengengerüst zu entwickeln. Aber für einen Entwicklungsdienstleister wie Edag könnte es sich lohnen. Wir decken vom Design bis hin zur Produktionsanlagenentwicklung alles ab. Ich glaube, das wird der nächste Schritt sein. Im gesamten Produktentstehungsprozess gibt es Spezialisten für die einzelnen Phasen. Vom Design, über die Entwicklung bis hin zu Produktionslösungen gibt es heute drei unterschiedliche Cluster mit Wettbewerbern. Und wenn es künftig einen einzigen Anbieter wie die EDAG gibt, der das abdecken kann, wird das für die Kunden sicherlich sehr attraktiv sein.
Wie sehen Sie die Rolle von Edag in zehn Jahren?
Wir werden in zehn Jahren an der Spitze der globalen Ingenieurdienstleister für die Mobilitätswelt sein – aber die Rolle eines Ingenieurdienstleisters wird in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr dieselbe sein.
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