Herr Rauen, krempelt Industrie 4.0 den Maschinen- und Anlagenbau um?
Davon gehe ich aus. Aus einer mittel- bis langfristigen Perspektive kann man durchaus sagen, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 den Maschinenbau deutlich verändern werden.
Ist es ein revolutionärer oder eher evolutionärer Prozess?
Auf der Zeitachse ist es evolutionär. Wenn man vom Ziel einer autonomen, sich selbst steuernden Produktion über die Wertschöpfungskette hinweg spricht, dann ist es ein langer Weg. Er wird mehrere Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauern.
Sehen Sie Ihre Branche als Vorreiter oder Nachzügler bei der Einführung von Industrie 4.0-Lösungen?
Als Vorreiter, sowohl als Branche wie auch den VDMA als Verband. Denn der Maschinenbau ist ja der Teil der Wertschöpfungskette, der Industrie 4.0 erst ermöglicht. Wir reden hier über die intelligente, vernetzte Produktion und das sind letztlich Maschinenbaulösungen. In gewisser Weise nimmt der Maschinenbau eine duale Position ein.
Wie meinen Sie das?
Einerseits sind wir Anbieter von Industrie 4.0-Technologien, andererseits sind wir auch einer der Hauptanwender als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Wenn man Deutschland als Leitmarkt der intelligenten Produktion und der Industrie 4.0 ansieht, liegt der Maschinenbau zusammen mit der Elektrotechnik an der Spitze.
Wie sehen Sie Ihre Branche im internationalen Vergleich?
Ganz klar führend.
Wo sehen Sie beim Thema Industrie 4.0 den dringendsten Handlungsbedarf?
Das ist sehr abhängig vom einzelnen Unternehmen. Wir empfehlen den Firmen, sich die zwei Hauptfelder Produktionsprozesse und Produkte anzuschauen und wo sie dort stehen. Das ist die Pflicht, dann kommt die Kür: darauf basierende Geschäftsmodelle.
Können Sie dabei unterstützen?
Ja, wir haben den Unternehmen dafür Instrumente an die Hand gegeben. Ziel ist es, die Produkte in Richtung cyber-physische Systeme zu entwickeln. Das bedeutet, die Kombination softwaretechnischer Komponenten mit mechanischen und elektronischen Teilen. Diese kommunizieren über eine Dateninfrastruktur in Cloudlösungen im Internet. Die Prozesse sollen in Richtung selbststeuernd und autonom entwickelt werden.
Wie sehen in Ihrer Branche die künftigen Geschäftsmodelle aus?
Zunächst einmal müssen sich die Unternehmenschefs folgende Frage stellen: Wird es weiter so sein, dass mein Unternehmen die Produkte, die Maschinen und die Komponenten verkauft und damit im Wesentlichen Umsatz und Ertrag erzielt, oder wird mein Unternehmen künftig mehr über Services verdienen? Oder geht es mehr in Richtung Betreibermodelle? Brauche ich ganz andere Vertriebskonzepte? Werden wir eine Plattformökonomie auch in der Investitionsgüterindustrie erleben?
Und was ändert sich durch Industrie 4.0 nicht?
Preis- Geschwindigkeits- und Innovationsdruck bleiben erhalten. Wir haben einige Mitgliedsfirmen, die haben nicht nur den Transformationsprozess der Digitalisierung zu stemmen, sondern sie haben noch einen zweiten Transformationsprozess zu stemmen – die Elektromobilität.
Die Autoindustrie bekommt es immer mehr mit branchenfremden Unternehmen wie aus der Unterhaltungselektronik zu tun. Trifft das auch auf ihre Branche zu?
Ja, es sind neue Akteure im Spiel, die Technologielieferanten für uns sind. Unsere Branche erhält jetzt deutlich mehr Schub über Sensorik-, Elektronik- und Softwarethemen. Das merken wir auch bei unseren Mitgliedern. Der Fachverband Software und Digitalisierung im VDMA wächst. Alleine in diesem Segment haben wir 400 Mitglieder und wir verstehen uns als führenden Verband der Industrial IT.
Ist Ihre Branche auch interessant für Start-ups?
Ja. Es gibt viele Start-ups im IT-Bereich, die in den Maschinenbau drängen. Ein Sensor schwebt ja nicht im luftleeren Raum, sondern wird auf eine Antriebseinheit montiert, um Drehmoment, Kraft, Position oder andere Parameter zu messen. Auch beim autonomen Fahren müssen letztlich die reale mit der virtuellen Welt zusammengebracht werden. Und das geschieht in den Produkten des Maschinenbaus.
Der deutsche Maschinenbau ist für seine anspruchsvollen Lösungen bekannt. Muss die Branche mit ihrem Angebot mehr in die Breite gehen?
Nicht nur im Maschinenbau muss man sich die Frage stellen, was bedeutet es eigentlich, wenn ein Unternehmen klassischerweise sein Geld mit realen Produkten verdient hat, also mit Investitionsgütern. Verschieben sich jetzt die Geschäftsmodelle? Bezahlt der Kunde vielleicht nicht mehr für das reale Produkt? Also, bezahlt er noch die Bohrmaschine oder nur noch das Bohren des Loches? Wir haben dieses Thema als Verband mit wachen Augen im Blick, um unserer Mitglieder hier frühzeitig sensibilisieren zu können.
Können Sie als Verband Hilfestellung geben?
Wir haben gerade eine Studie mit Roland Berger zum Thema Business-to-business-Plattformökonomie für den Maschinenbau erarbeitet. Die Studie zeigt die verschiedenen Typen von Businessplattformen auf sowie Chancen und Herausforderungen für die Unternehmen unserer Industrie. Insgesamt sind wir davon überzeugt, dass der Maschinenbau mit seiner Heterogenität eine sehr gute Position für Konzepte der Plattformökonomie hat. Die Branche hat das Wissen Big Data und Big Thinking miteinander zu verbinden und daraus Geschäft zu generieren. Entscheidend ist das Wissen um die Kausalität in unseren Produkten und Prozessen.
Können Sie uns diese Plattformökonomie kurz erläutern?
Im Kern geht es bei Plattformökonomie darum, Marktteilnehmer digital zu vernetzen, Kundenbindung zu schaffen und zu erhöhen, das Geschäft massiv zu vereinfachen oder neues Geschäftspotenzial zu finden. Momentan werden dazu auch im Maschinen- und Anlagenbau Plattformen gegründet, deren Betreiber mittelständische Industrieunternehmen sind.
Welche Gefahren sehen Sie?
Die größte Herausforderung besteht darin, die Digitalisierungskompetenz in einer hinreichenden Geschwindigkeit im Sinne von Prozessen und Menschen im Unternehmen zu platzieren und zu positionieren. Wer die Zukunft gestalten will, sollte zum Maschinenbau kommen.
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