München. Mit einer Bevölkerung von über 140 Millionen Menschen und etwa 2,8 Millionen verkaufen Neuwagen lockt besonders Russland, das sich anschickt, vor Deutschland zum größten Markt Europas zu werden. Die übrigen Länder der Region haben zusammen zwar mehr Einwohner, kommen aber nur auf etwa eine Million Fahrzeugverkäufe. Gerade im Russland-Geschäft sorgt die Ukraine-Krise für neue Unsicherheit. Doch wer in Russland mitspielen will, muss dort investieren, weil Regierung und Rubel-Kurs hohen Local Content erzwingen. Zwar macht sich Volkswagen-Chef Martin Winterkorn keine Sorgen um die VW-Investitionen in Russland, wie er der Automobilwoche sagte. Bis 2018 sollen sogar noch 1,2 Milliarden Euro hinzukommen. Mancher Zulieferer sieht die Lage aber weniger entspannt. Das merkt man beim Forum Russland an den Teilnehmerzahlen einer Russland-Reise im Mai. Dirk Meyer, Geschäftsführender Partner, zählte bei früheren Unternehmerreisen für Automobilzulieferer nach Russland 30 bis 35 Teilnehmer. „Diesmal ist die Zahl auf 19 gesunken. Einige Absagen wurden konkret mit der Ukraine-Krise begründet.“ Die Teilnehmerzahl belege aber auch, „dass es Zulieferer gibt, die trotz aller Unsicherheiten ihre Pläne in Russland weiterverfolgen“. Die Hoffnung besteht, dass es sich nur um eine vorübergehende Belastung handelt. Martin Jung, Vorstand des Beratungsunternehmens ROI, sagt: „Sofern sich nicht aus der aktuellen Situation eine dauerhafte und schwere Krise entwickelt, werden Automobilhersteller und Zulieferer dort auch weiterhin Produktionen auf- und ausbauen.“
Zwang zum Risiko
Auswirkungen zeigen sich auch der Ukraine: Die für Mai geplante erste Automechanika in Kiew wurde auf 2015 verschoben. Während Russland in erster Linie als Markt lockt, ziehen die anderen Länder der Region als teilweise bereits etablierte Produktionsstandorte der Automobilindustrie weitere Investitionen an. Neben Tschechien, der Slowakei und Ungarn holt vor allem Polen auf, wo VW ein neues Werk für die Crafter-Fertigung baut. Während sich die Autohersteller auf die bereits etablierten Standorte konzentrieren, zieht es Zulieferer auch in Länder mit niedrigeren Lohnkosten wie Rumänien oder Bulgarien. Zu den Zulieferern, die bereits intensiv in Osteuropa produzieren und weiter investieren, zählt Webasto. Für den Thermo- und Dachsystemlieferanten ist die Region als Produktionsstandort und Markt gleichermaßen wichtig, wie Webasto-Chef Holger Engelmann gegenüber Automobilwoche betonte. Für das Heiz- und Klimageschäft bestehe dort bereits ein wichtiger Wachstumsmarkt. Schiebe- und Panoramadächer fertigt der Zulieferer im rumänischen Arad in unmittelbarer Nähe der belieferten Automobilhersteller. Im slowakischen Velky Meder dagegen betreibt Webasto sein Textilkompetenzzentrum für Cabriodächer für ganz Europa. „Das Erstausrüstungsdachgeschäft in Russland befindet sich im Aufbau“, beschreibt Engelmann einen der nächsten Schritte.