München. Zwar werden neue Autos heutzutage schon am Computer auf Herz und Nieren geprüft, „doch am Ende des Tages muss man ein neues Auto immer und immer wieder erfahren“, singt Steffen Scheunemann ein Hohelied auf das viel beschworene „Popometer“. Scheunemann, technischer Projektleiter des neuen Audi Q7, ist gerade von der letzten Abnahmefahrt in Namibia zurück. Davor aber war er mit dem Geländewagen ebenfalls wochenlang in Ehra-Lessien nahe Wolfsburg, auf einem geheimen Gelände in Neustadt bei Kelheim und auf der vor Kurzem eröffneten Audi-Teststrecke in Neuburg an der Donau unterwegs. Denn je weiter die Entwickler noch von der Markteinführung entfernt sind, desto weniger lassen sie sich bei der Arbeit über die Schulter blicken und bevorzugen deshalb eigenes Terrain. Kein Wunder also, dass sich fast jeder Hersteller in Deutschland eigene Teststrecken leistet: VW hat Ehra-Lessien, Opel das Prüfzentrum in Dudenhofen bei Frankfurt, Ford testet in Lommel im benachbarten Belgien, Porsche hat seine Hausstrecke in Weissach, und die BMW-Prototypen drehen ihre Runden in Aschheim vor den Toren Münchens. Ausgerechnet Daimler besitzt zumindest in Deutschland kein eigenes Prüfgelände. Zwar haben die Schwaben mit dem sogenannten Heide-Dauerlauf in den 50er-Jahren als einer der ersten Hersteller dezidierte und reproduzierbare Testfahrten ins Entwicklungsprogramm aufgenommen. Doch abgesehen von der sogenannten Einfahrbahn, einem Oval im Werk Untertürkheim, müssen die Schwaben auf fremde oder angemietete Strecken wie in Papenburg, den Malmsheimer Flughafen oder das ehemalige Militärgelände in Münsingen ausweichen. Aber damit ist bald Schluss. Denn vor wenigen Wochen haben die Bauarbeiten für ein neues Prüf- und Technologiezentrum in Immendingen bei Tuttlingen begonnen. Auf einem 520 Hektar großen Areal entsteht dort für rund 200 Millionen Euro bis 2017 eine Erprobungsstrecke mit etwa 300 Arbeitsplätzen: „Wir werden zukünftig einen großen Teil der Testfahrten von öffentlichen Straßen auf das Gelände verlegen und dort alternative Antriebe wie Hybride und Elektrofahrzeuge mit Batterie oder Brennstoffzelle weiterentwickeln sowie Verbrennungsmotoren optimieren“, erläutert Entwicklungsvorstand Thomas Weber. Zudem werde in Immendingen an Fahrsicherheitssystemen bis hin zum autonomen Fahren gearbeitet – die Rangelei um freie Termine auf anderen Teststrecken dürfte Daimler dann erspart bleiben.
Teststrecken
Wo die Autos laufen lernen
Wer es eilig hat in einem Bugatti, der braucht vor allem Geduld. Denn dass nur ein Bruchteil der Veyron-Fahrer je an den werkseigenen Topspeed-Kursen teilgenommen hat, liegt vor allem an den wenigen freien Terminen auf dem VW-Testgelände in Ehra-Lessien. Die Slots in der Lüneburger Heide sind rar, um die Autos sicher auf über 400 km/h zu beschleunigen. Zu umfangreich ist das Testprogramm der zwölf Konzernmarken, als dass VW leichtfertig auch nur einen Teil des 100 Kilometer langen Straßennetzes dafür freigeben würde.