Hannover. Mehrere Radstände, Baureihen mit unterschiedlichen Dachhöhen und eine Vielzahl möglicher Karosserieaufbauten - die Modellpalette der Nutzfahrzeugsparte gilt innerhalb des VW-Konzerns als besonders komplex. Automobilwoche befragte den für die Produktion verantwortlichen Vorstand der Marke über aktuelle Herausforderungen im Fahrzeugbau und neue Montagestrategien.
"Wir begreifen Komplexität als Chance"
Ja, wir wollen dieses Ziel ohne die Errichtung neuer Produktionsstätten erreichen. Zugegeben, das ist ein ehrgeiziger Plan, aber wir können es schaffen. Dabei folgen wir dem sogenannten Volkswagen-Weg, mit dem sich der gesamte Konzern erhebliche Produktivitätssteigerungen über die gesamte Prozesskette vorgenommen hat. Wir drehen an vielen Stellschrauben, von der Blechanlieferung bis zur Endmontage. Und Tag für Tag stoßen wir in den Werken auf neue Verbesserungsmöglichkeiten.
Unsere Strategie ist klar: Die höheren Stückzahlen in der Automobilfertigung wollen wir mit einer unveränderten Anzahl von Mitarbeitern bewerkstelligen. Wir stehen fest zu der vereinbarten Beschäftigungssicherung. Und ich sehe bei uns derzeit keinen Anlass, nach 2011/2012 die bestehende Mannschaft zu verkleinern.
Beispielsweise in der Arbeitsorganisation. An unserem Standort Hannover etwa haben wir innovative Konzepte der Teamarbeit bereits zu zwei Dritteln umgesetzt. Die Zielkaskade können wir nun auf jeden einzelnen Mitarbeiter herunterbrechen. Wir stärken damit die Selbstverantwortung. Und wir setzen Best-Practice-Lösungen aus anderen VW-Werken, etwa das Warenkorb-Prinzip in der Materialbestückung, schneller und präziser um.
In unserem Stammwerk Hannover konnten wir in den vergangenen drei Jahren die Durchlaufzeit unserer Baureihe T5 von sieben auf dreieinhalb Tage verkürzen. Und diese Reduzierung um 50 Prozent ist gewiss noch nicht das letzte Wort: Wenn wir die Steuerungsprinzipien in der Fabrik, etwa das Konzept der Perlenkette, weiter optimieren, können wir bei der Durchlaufzeit sicher noch einen halben Tag herausholen, vielleicht sogar einen ganzen.
Die Wahl des Standorts hängt nicht allein von der Verfügbarkeit der Fertigungstechnologien ab, sie ist vor allem marktgetrieben. Im Moment gehen wir daher davon aus, den Robust Pick-up ausschließlich im VW-Werk Pacheco in Argentinien zu produzieren.
Die USA sind ohne Zweifel ein immens bedeutsamer Absatzmarkt, und momentan ist VW Nutzfahrzeuge dort nicht vertreten. Da liegt es auf der Hand, dass wir ein Engagement intensiv prüfen. Eine Entscheidung hierüber steht für uns aber kurzfristig nicht an.
Nach dem schon vor Jahren absehbaren Auslauf unserer Baureihe LT2 mussten wir freie Kapazitäten im Karosseriebau und im Lack-Sektor in die Kalkulationen einbeziehen. Das war sicher nicht gerade ein Nachteil im harten Wettbewerb um den Zuschlag von Porsche.
In die entsprechenden Arbeitskreise sind wir eng eingebunden. Auch wir könnten von größeren Skaleneffekten kräftig profitieren.
Wir begreifen Komplexität als Chance. Und auch in diesem Bereich lassen sich steigende Anforderungen beherrschen. Der Schlüssel zum Erfolg sind insbesondere noch schlankere Prozesse.
Das Interview führte Henning Krogh