München. Der Vorstandschef setzt sich neben den Mann, der ihm am 13. Mai auf der Hauptversammlung nachfolgen wird. Harald Krüger tritt kein leichtes Erbe an. Er wird an Reithofers Erfolgen gemessen werden. „Es ist schwer, eine Mannschaft zu übernehmen, die an der Spitze steht“, sagt Frank Schwope, Analyst bei der Nord LB. „Der Job ist dankbarer, wenn die Geschäfte vorher schlecht liefen.“ Davon kann bei BMW keine Rede sein. Der Konzernabsatz hat sich in der Ära Reithofer um 40 Prozent erhöht. Das Unternehmen feierte fünf Rekordjahre in Folge. Im Jahr 2014 wurden erstmals mehr als zwei Millionen Autos verkauft. BMW ist im Premiumsegment die klare Nummer eins. Noch. Die Konkurrenz wird immer stärker. Niemand kann heute vorhersagen, wer in den kommenden Jahren das Rennen um die Premiumkrone gewinnen wird. Sicher ist: Es wird eng für BMW. Audi und Mercedes wollen Spätestens 2020 vorbeiziehen. Die Stuttgarter holen gerade mit einer gewaltigen Produktoffensive auf. Die Ingolstädter werden verstärkt von den Synergieeffekten aus dem riesigen VW-Konzern profitieren. Der neue BMW-Chef muss nicht nur die Konkurrenz in Schach halten. Sein Unternehmen steht wie die gesamte Branche vor großen Herausforderungen. Ausgaben in Milliardenhöhe für alternative Antriebe stehen an, um die immer strengeren CO2-Vorgaben zu erreichen. Die Krux: Der Kunde ist nicht bereit, für Umweltfreundlichkeit mehr zu bezahlen. Drosselt der Hersteller den CO2- Ausstoß aber nicht, drohen Strafzahlungen und Imageverlust. Reithofer hatte schon früh reagiert – und Reserven geschaffen. Im Jahr 2007 hat er das Strategieprogramm „Number One“ angeschoben, mit dem er den Gewinn vor Steuern in sieben Jahren auf 8,71 Milliarden Euro mehr als verdoppelte. Number One „ist und bleibt die Leitplanke für unser unternehmerisches Handeln bis 2020“, gibt der kommende Aufsichtsratschef die Marschroute vor. Krüger soll Kurs halten. Intern gehen führende BMW-Manager davon aus, dass er Reithofers Pläne erst einmal fortsetzen wird. Mit dem 49-Jährigen hat der Großaktionär, die Familie Quandt/Klatten, einen Generationenwechsel angeschoben. Angedacht ist, dass er zehn Jahre lang – zwei volle Amtsperioden – das Steuer übernimmt. Der Maschinenbau-Ingenieur wurde von langer Hand auf diese Aufgabe vorbereitet. Er arbeitet seit 23 Jahren für BMW, sitzt seit Ende 2008 im Vorstand. Dort war er zunächst für Personal, dann für Mini und Rolls-Royce und zuletzt für die Produktion zuständig. „Der Mann kennt sich gut aus, dem können Sie in keinem Bereich etwas vormachen“, sagt ein langjähriger Weggefährte. Krüger gilt als moderner, beliebter Manager. Genau wie Reithofer sucht er nicht das große Publikum. Geltungsdrang verspürt er nicht. Damit passt er gut ins BMW-Schema – Zurückhaltung wird im Vierzylinder großgeschrieben. Der künftige BMW-Lenker soll die Internationalisierung des DAX-Konzerns weiterführen. Als Produktionschef hat Krüger den globalen Werkverbund erweitert und den Ausbau der Standorte in China und in den USA vorangetrieben. Im Werk Brasilien ist die Fertigung 2014 angelaufen. Im Jahr 2019 will Krüger eine Fabrik in Mexiko eröffnen. So breit aufgestellt soll BMW unabhängiger von Marktschwankungen werden. Wie wichtig dies ist, zeigt die Boomregion der vergangenen Jahre: China wandelt sich gerade vom Autoparadies zu einem normalen Markt. Auch der Einbruch in Russland muss abgefangen werden. Weit oben auf Krügers To-do- Liste: der Ausbau der i-Familie. Mit der Einführung von Elektrofahrzeugen mit Carbonkarosserie ist Reithofer einen mutigen Schritt vorangegangen. „Wirtschaftlich zahlt sich das Risiko bislang nicht wirklich aus“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Centers of Automotive Management. Falsch war der eingeschlagene Pfad dennoch nicht: „BMW hat einen Vorsprung beim Thema Elektromobilität, das wird langfristig positive Effekte haben.“
Digitale Herausforderung
Die größte Herausforderung für Krüger ist die Digitalisierung – da sind sich die Fachleute einig. Er gilt als jung genug, um die Weichen richtig zu stellen in einer Zeit, in der sich die Industrie in einem massiven Umbruch befindet. Auto und IT wachsen immer stärker zusammen. Kundenwünsche und Technologien verändern sich rasant. Will Krüger BMW für die Zukunft rüsten, muss er beim vernetzten Auto und beim autonomen Fahren die Nase vorn haben. Die zunehmende Digitalisierung erfordert neue Wege der Zusammenarbeit. Konzerninsider gehen davon aus, dass BMW in den kommenden Jahren weitere Kooperationen eingehen wird. Über eine Zusammenarbeit mit Apple wird seit Monaten spekuliert. Auch die Kundenansprache ändert sich. Krüger muss neue Geschäftsmodelle auf den Weg bringen, fordert Bratzel: „Schafft es BMW, aus den Datenmengen Mehrwert zu generieren, daraus neue Dienste zu entwickeln?“ Solche Fragen wird wohl künftig Reithofer stellen. Als neuer Chef des Aufsichtsrats hat er ein Auge auf Krüger: „Die jüngeren Generationen haben nun die Chance, die weitere Entwicklung des Unternehmens nach ihren Vorstellungen zu gestalten.“ Reithofer jedenfalls hat seine Chancen gut genutzt. Auch die, aufzuhören, wenn es am schönsten ist.