München. Seither ist beim ADAC nichts mehr wie es war – und vieles wird sich ändern müssen, wie Meyer im Interview versichert. Die Glaubwürdigkeit des Clubs, der sich gern als Verbraucherschützer inszeniert, hat schweren Schaden genommen. So mancher, dem der mächtige Verein mit 19 Millionen Mitgliedern in der Vergangenheit auf die Zehen gestiegen ist, schlägt jetzt zurück. CSU-Chef Horst Seehofer stichelte genüsslich, er habe sich bei der Maut- Kritik des ADAC auch „immer gefragt, wie man zu solchen Schlussfolgerungen kommen kann“. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mahnte „etwas mehr Bescheidenheit im Auftreten“ an. Doch die Krönung liefert Ferdinand Dudenhöffer. Der Autoprofessor erklärte in mehr als einem Dutzend Interviews auf allen Kanälen, nun müssten alle Tests des ADAC in Zweifel gezogen werden, dessen Struktur, die Führung aus „älteren Herrn“, die unkontrolliert schalten und walten dürften. Dass Dudenhöffer zwischen 2001 und 2008 für den ADAC das Markenranking Automarxx erstellte, bevor man sich im Streit trennte, verschweigt der Professor. Der Automarxx spielte auch eine Rolle beim Gelben Engel. Der Erste des Markenrankings bekam den Gelben Engel als „Beste Marke“.
Wenn Engel preisen
Kritik an der Pannenstatistik des ADAC übt auch Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management – obwohl er keine offene Rechnung mit dem Club hat. Insbesondere für die jüngeren Fahrzeugjahrgänge sehe er die Statistik „mit Vorsicht an“, so Bratzel. Sie werde verzerrt, weil manche Hersteller den ADAC mit der Pannenhilfe beauftragen. Diese Pannen fließen nicht in die Zählung ein. Auch die vom ADAC Geehrten gehen auf Distanz. VW verzichtet auf die schon geplante Werbung mit dem Gelben Engel. Bosch-Chef Volkmar Denner zeigte sich „zutiefst enttäuscht“. Auch vom Krisenmanagement des ADAC-Geschäftsführers Karl Obermair: „Bei Bosch hätten wir in einem solchen Fall nur eines gesagt: Wir prüfen das.“ Sein Unternehmen will ebenfalls nicht mit dem Preis werben. Ebenso Daimler, wo man dies nach eigener Angabe aber ohnehin nicht vorhatte, und BMW. Kein Wunder: „Wer mit dem Preis wirbt, macht Negativwerbung für sich selbst“, sagt Bratzel. Dem stimmt auch der ehemalige Marketingchef von Volkswagen und heutige Unternehmensberater Jochen Sengpiehl zu und geht noch einen Schritt weiter. „Ich rate VW im Besonderen, den diesjährigen Preis nicht in der Vitrine zu lassen, sondern zurückzugeben“, sagte er der Automobilwoche. Sogar die Justiz beschäftigt sich inzwischen mit den Vorgängen. Die Staatsanwaltschaft München I hat eine Vorprüfung eingeleitet. Weiterer Ärger mit der Justiz: Das Amtsgericht München prüft, ob die wirtschaftliche Betätigung des ADAC so bedeutend ist, dass sie seiner Anerkennung als Verein im Wege steht. Ein nicht genannter Dritter hat dies beantragt. Bei Verlust dieser Einstufung müsste sich der Verein eine andere Rechtsform suchen. Dass der Club mit seinen Unternehmen und Beteiligungen auch ein hoch profitabler Konzern ist (siehe Grafik), lässt ihn immer wieder anecken. So stößt das Konzept von ADAC-Werkstätten beim ZDK schon länger auf Kritik. Dennoch erklärte der Verband, man gehöre „nicht zu denjenigen, die jetzt sofort mit Häme über den gesamten ADAC herfallen“. Stattdessen wolle man sich beim Club selbst informieren. Auch im politischen Berlin hat die unternehmerische Tätigkeit bereits zu Unmut geführt. Zuletzt, weil der Club zuerst politisch für eine Freigabe des Fernbusmarkts eintrat und jetzt ein eigenes Unternehmen in diesem Bereich betreibt. „Da gibt es eine Verquickung“, kritisiere der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Martin Burkert (SPD). Er stellt nun infrage, ob dem ADAC zu Recht so viel Gehör geschenkt wurde, wie in den vergangenen Jahren, als er binnen einer Wahlperiode gleich fünf Mal zu Expertenanhörungen herangezogen wurde. Daraus, dass Kommunikationschef Michael Ramstetter ein paar Zahlen nach oben frisiert hat, um sich und den Club besser dastehen zu lassen, hat sich eine Lawine entwickelt. Dass Ramstetter die alleinige Verantwortung zugeschrieben wird und er zurückgetreten ist, hat die Aufregung nicht gestoppt. Auch nicht, dass der Preis wohl eingestellt wird und der ADAC die von allen Seiten geforderte gründliche Aufklärung verspricht.
Ob Geschäftsführung und Präsidium die Affäre überstehen werden, ist noch nicht ausgemacht. Im Management der Krise haben sie nicht die beste Figur abgegeben. So dauerte es viel zu lange, bis der Verein die Wahrheit von Ramstetter erhielt und die Vorwürfe einräumte. Geschäftsführer Obermair ließ sich bei der Verleihung des Preises zu einer fragwürdigen Medienschelte hinreißen. Inzwischen hat er sich entschuldigt. Dabei stärkt ihm Präsident Meyer den Rücken und weist Rücktrittsforderungen zurück. Allerdings weiß auch Meyer: Der ADAC wird sich ändern müssen.