München. Reiser ist ein typischer Nutzer von Jobbewertungsportalen: Er ist um die 30 Jahre alt, hat einen Hochschulabschluss und ist berufstätig. So wie er wollen auch viele andere möglichst viel über ihren künftigen Arbeitgeber erfahren. Eine Bitkom-Studie bestätigt das: Jeder vierte Internetnutzer liest Bewertungen von Arbeitgebern im Netz und lässt diese in seine Jobentscheidung mit einfließen. Darum boomen Portale wie Kununu, der klare Marktführer hierzulande: Zwei Millionen User aus dem deutschsprachigen Raum besuchen die Seite monatlich. Vor sieben Jahren, als die Österreicher Martin und Mark Poreda Kununu als Hobby-Projekt gründeten, war das noch anders. Mittlerweile aber verdienen sie Geld mit ihrer Idee, dass Arbeitnehmer ihren Arbeitgeber anonym im Netz nach Gleichberechtigung, Kollegenzusammenhalt, dem Verhalten der Vorgesetzten oder der Work-Life-Balance bewerten können. Ähnlich wie bei Kununu läuft die Bewertung auch bei Jobvoting oder für Praktikanten auf der Seite Meinpraktikum.de ab. Bewertet ein Mitarbeiter seinen Arbeitgeber erstmalig, ist das Unternehmen registriert. Dann können sich Kollegen und Ehemalige der Bewertung anschließen. Fünf ist die Top-Punktezahl. Die Nutzer können aber auch Texte schreiben. Kraftausdrücke, firmeninterne Daten oder der Name des Chefs sind tabu – anders als bei Mein- Chef.de. Marktführer Kununu sieht MeinChef.de und Portale wie BizzWatch oder Jobvoting nicht als ebenbürtige Konkurrenten. „Deren Bewertungszahlen liegen höchstens bei 20.000 gegenüber unsere 658.000“, sagt eine Kununu- Sprecherin. Dass bei Bewertungsportalen die Nutzerzahl entscheidend ist, weiß auch Reiser. Darum vertraut er der Rubrik Automobil/Automobilzulieferer von Kununu, obwohl ihm klar ist, dass dort auch notorische Nörgler das Wort ergreifen. Derzeit kann Reiser 7749 Bewertungen zu 960 Unternehmen in dieser Branche einsehen. Über 6,9 Millionen Mal wurden sie mittlerweile aufgerufen. Die Bewertungsportale sind ein Trend, dem sich viele Unternehmen nicht mehr verschließen. Bei Kununu können sie für 395 Euro im Monat ihre Seite mit Unternehmensinfos oder Fotos vom Arbeitsalltag bestücken und auf offene Stellen hinweisen. Bewertungen beeinflussen können sie selbst aber nie, sondern lediglich Stellungnahmen abgeben. Auch Daimler macht das. Der Hersteller sieht den Schritt auf das Portal als „logische Konsequenz“ und erklärt: „Wir stellen genau da die Informationen zu unseren Einstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten zur Verfügung, wo sich unsere Zielgruppe ein Bild über unser Unternehmen verschafft.“ Antje Maas, Leiterin des Personalmarketings bei Audi, bestätigt diese Linie: „Transparenz ist heute von großem Vorteil. Aus gebündeltem Feedback lässt sich deutlich mehr Verbesserungspotenzial schöpfen als aus Einzelmeinungen. Fundiertes Feedback behalten wir im Blick und werten es aus.“ Die Bewertungsportale finden in der Branche zunehmend Beachtung, manche Konzerne werben sogar mit Plakaten in der Kantine oder im Intranet für Online-Bewertungen der Mitarbeiter. „Die digitale Gesellschaft hat die Arbeitswelt maßgeblich verändert. Unternehmen müssen diesen Anforderungen nachkommen und Arbeitgeber präsentieren“, sagt Florian Mann, Kununu-Geschäftsführer. Einige Wochen nach dem Anruf hat sich Dominik Reiser entschieden. Er will wechseln. Wegen der Portale? „Nicht direkt. Aber die Bewertungen haben mir bei der Entscheidung geholfen.“
Onlineportale
Wenn das Netz über den Job entscheidet
Vor einigen Tagen klingelte Dominik Reisers Handy. Ein Herr machte dem 31-jährigen Ingenieur ein Angebot: Mehr Verantwortung solle er bekommen und neue Strukturen etablieren. „Die Konkurrenz will Sie“, sagte der Headhunter, der Reiser von einem großen Automobilzulieferer zu einem anderen abwerben wollte. Reiser handelte sich Bedenkzeit aus und besuchte kurze Zeit später im Netz Homepages von Kununu, Jobvoting und MeinChef.de.