München. Die jüngsten Verkäufe im Daimler-eigenen Vertriebsnetz haben die Diskussion über die Rentabilität der Niederlassungen des Herstellers neu befeuert. Der Umbau des deutschen Netzes kommt die Stuttgarter sehr teuer zu stehen, wie sie bei der Vorlage ihrer Jahreszahlen für 2014 mitteilten: Eine halbe Milliarde Euro wird für die Jahre 2015 und 2016 an Kosten eingeplant. Im vergangenen Jahr wurden bereits 81 Millionen Euro fällig. Somit fallen insgesamt rund 580 Millionen Euro für die Restrukturierung an.
Branchenexperte Willi Diez, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA), bestätigt, dass es grundsätzlich üblich sei, Rückstellungen zu bilden, um die Folgen von Umstrukturierungen abzufedern, beispielsweise für Ausgleichszahlungen an Beschäftigte. Allerdings würden solche Summen letzten Endes nicht notwendigerweise auch vollständig gebraucht. Bis dato hat Daimler die beiden Niederlassungen in Erfurt und Wiesbaden verkauft, und es werden wohl noch weitere folgen – insbesondere in Ostdeutschland. Dort gab es jüngst Warnstreiks von rund 800 Beschäftigten, die um ihre Arbeitsplätze fürchten.
Das Thema Reduzierung der Niederlassungen sei nicht neu bei Daimler, sagt Diez, doch erst jetzt werde es konsequent umgesetzt. Das Motiv für die Verkäufe sieht er aber nicht in einer zu geringen Profitabilität der Autohäuser: „Die bisher verkauften Niederlassungen gehörten nicht zu den schlechtesten.“ Vielmehr müsse man die Verkäufe vor dem Hintergrund sehen, dass Daimler seine Umsatzrendite mittelfristig von acht auf zehn Prozent steigern will. Mit einem Niederlassungsnetz im bisherigen Umfang sei das nicht möglich. „Die hohe Kapitalbindung wirkt da wie ein Klotz am Bein“, sagt der Experte.
Neben dem Verkauf einzelner Häuser verfolgt Daimler zudem die Strategie, Niederlassungen zu bündeln. Seit Jahresbeginn gibt es neun neue Vertriebsdirektionen mit je einem Verantwortlichen für den Bereich Pkw und Nutzfahrzeuge. Wettbewerber BMW agiert hier ähnlich. In Deutschland unterhält der Münchner Autobauer 40 Niederlassungen. Um Ballast im Retailgeschäft abzuwerfen, sollen die eigenen Autohäuser künftig in sechs Verbünden geordnet werden. Stellenabbau sei nicht geplant, erklärt BMW. Es gehe darum, die Zusammenarbeit der eigenen Betriebe zu vereinfachen. Das bedeutet, Funktionen werden gebündelt, das Backup zentralisiert.
„Die Hersteller nehmen die Gemeinkosten aus den Betrieben heraus“, sagt Diez. Vor Ort gibt es dann nur noch den Verkauf, aber keine Verwaltung mehr. Die Verschlankung des eigenen Netzes könnte auch bei VW anstehen. Derzeit unterhält die Volkswagen Group Retail Deutschland bundesweit 110 Autohäuser. In der Vergangenheit wurden bereits einzelne Betriebe verkauft. So übernahm die Wellergruppe 2011 vier Standorte von VW Retail in Ostfriesland.