Köln. Peter Hülzer meinte es ernst. Auf der Mitgliederversammlung des Reifenfachhandelsverbands BRV redete der Geschäftsführer seinen Kollegen angesichts der schwierigen Lage der Branche ins Gewissen, sich zu ändern. Es gebe Händler, die mit niedrigen Gehältern und Mietverzicht für die selbst genutzte Immobilie „bestenfalls so gerade noch schwarze Zahlen“ schreiben, „im Grunde aber bereits den Gang zum Insolvenzgericht antreten müssten“, sagte Hülzer. „Ich befürchte, dass wir diese Klientel beim Strukturwandel nicht mitnehmen können, weil sie eher im alten Denken verhaftet ist.“
Dass Hülzer so deutliche Worte wählte, liegt an der Situation des Reifenfachhandels, der in den vergangenen Jahren die Folgen der Digitalisierung und des zunehmenden Wettbewerbs zu spüren bekam. Von 2008 bis 2014 ist der Marktanteil im Endverbrauchergeschäft von 41,5 auf 36,9 Prozent gefallen. Und auch der Markt selbst schrumpft. Allein das Sommerreifengeschäft lag im ersten Halbjahr 8,2 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das schlägt auch finanziell durch. Erste Befunde des vom BRV erhobenen Betriebsvergleichs für Januar bis Mai deuten laut Hülzer auf „bei Weitem nicht ausreichende betriebswirtschaftliche Ergebnisse“ hin.
"Noch größer denken"
Helfen sollen dem Reifenfachhandel nun unter anderem Empfehlungen einer Studie, die der BRV bei Roland Berger in Auftrag gegeben hat. Aufgabe der Unternehmensberatung war es, unter anderem schnell umsetzbare Maßnahmen zu entwickeln, die dem Reifenfachhandel Umsatz und Ertrag bringen sollen. Philipp Grosse Kleimann, der in Bergers Automotive-Bereich das globale Cluster Marketing, Aftersales und Aftermarket leitet, warnte: Wenn man sich frage, ob ein externer Investor heute noch in den Reifenfachhandel investieren solle, sei die Antwort „eher nein“.
Grosse Kleimann schlug deshalb der Branche vor, „noch größer zu denken“, um das Machtgefüge zwischen kleinem Händler und großem Hersteller zu verändern und wieder mehr Marge zu erreichen. Würde sich der Reifenfachhandel konsequent zu Einkaufsgemeinschaften zusammenschließen, könnte er bessere Bedingungen aushandeln – ähnlich wie Einzelhandelsgruppen gegenüber ihren Lieferanten, die auch oft weit größer sind als der einzelne Händler. Entscheidend dabei sei allerdings, dass der Handel klare Grundsätze einhalte. Biete ein Hersteller keine guten Bedingungen, müsse sein Produkt auch konsequent aus dem Portfolio genommen werden, bis ein besseres Angebot komme, sagte Grosse Kleimann. „Sonst ist die Industrie zu stark.“