München. Vor einem Jahr rief Daimler seine Initiative ins Leben. Personalvorstand Wilfried Porth setzt damit „gezielt auf die Zusammenarbeit der verschiedenen Generationen mit ihren spezifischen Stärken“. Der Experten-Pool umfasst 350 ehemalige Mitarbeiter, in 75 Projekten kamen sie bisher zum Einsatz. Knothe wurde für den Serienanlauf der neuen C-Klasse ins Werk gerufen – auf Basis eines Tageshonorars. „Geld war nicht entscheidend“, sagt der frühere Manager. „Wenn ich helfen kann, gibt es für mich nur die Antwort ‚Ja‘“. Über mehrere Monate half der 72-Jährige ein bis zwei Tage in der Woche, die vielen Facetten des Modellstarts effektiv zu koordinieren. Damit ist Knothe – so wie sein Teilzeit-Arbeitgeber – Trendsetter. Immer mehr Automobilunternehmen setzen auf die Expertise ihrer Ex-Mitarbeiter. Volkswagen zum Beispiel mit der „Initiative Volkswagen pro Ehrenamt“, die 2013 „kräftig ausgebaut“ wurde, wie Leiter Ralf Thomas sagt. „So stellen wir sicher, dass wertvolles Wissen weitergegeben wird.“ Auf rund 450 Einsätze pro Jahr kommen die Ehemaligen. Die Gebiete sind vielseitig und reichen vom Job als Projektmitarbeiter in der Kasseler Getriebeentwicklung bis zum Prüfstandplaner in Schanghai. Als Honorierung erwartet sie allerdings nur eine „Aufwandsentschädigung und viel Anerkennung“, so Thomas. Robert Linnemann aus Osnabrück zum Beispiel war für Volkswagen trotz Vorruhestands als Laborleiter in Emden, Mexiko, der Slowakei und in China. „Als Senior-Experte steht man nicht in Konkurrenz, und die Mitarbeiter verstehen fachliche Hinweise nicht als Besserwisserei, sondern als wertvollen Erfahrungsaustausch“, sagt der 61-Jährige. Pionier der Senioren-Reaktivierung war Bosch. Bereits 1999 wurde die Bosch Management Support GmbH gegründet – heute ein globales Expertennetzwerk mit rund 1400 Mitgliedern im Alter zwischen 60 und 75 Jahren, vom Meister bis zum Manager. Bei Bosch spricht man von der „dritten Karriere“ ihrer Mitarbeiter. „Die Idee ist so einfach wie einleuchtend“, heißt es. „Senior-Experten sind überall dort gefragt, wo es bei Engpässen kurzfristigen, aber sehr professionellen Bedarf ohne lange Einarbeitungszeiten gibt.“
Rückruf für Rentner
Die Rückrufaktionen für Rentner kommen nicht von ungefähr. Bis zum Jahr 2020 wird sich der Anteil der über 50-jährigen Führungskräfte drastisch erhöhen. Sind heute nur ein Viertel aller Topmanager älter als 50 Jahre, sind es in zehn Jahren bereits ein Drittel. Das ergab die Studie „Demografie 2020“ der Personalberatung Odgers Berndtson unter den 500 größten Unternehmen Deutschlands. Laut Studienleiterin Claudia Scheuvens haben bislang nur fünf bis zehn Prozent der Firmen damit begonnen, „konsequent Maßnahmen gegen den demografisch bedingten Führungskräftemangel“ zu ergreifen. Die wären: verstärkte Nachwuchsförderung, das Potenzial von Frauen stärker zu nutzen, vermehrt ausländische Führungskräfte zu rekrutieren – und „die Beschäftigung älterer Experten“, um so die „Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten“.