München. Wer ist eigentlich dieser elegante Fremde, der sich kürzlich beim Jaguar-Händler Allen Aron in Chicago umsah und dabei am Tee nippte? Niemand anderes als der neue Eigentümer von Jaguar: der indische Industrielle und Milliardär Ratan Tata. Gerade erst hatte er dem Ford-Konzern die britischen Traditionsmarken Jaguar und Land Rover für drei Milliarden US-Dollar abgekauft, da setzte er sich zusammen mit einigen Topmanagern und seinem persönlichen Sekretär in den Privatjet, um ein paar der ältesten und größten Händler der Marke in den USA und England zu treffen.
Für viele Händler war es das erste Mal, dass sie einen Top-Entscheider ihrer Marke zu Gesicht bekamen. „Ich bin seit 40 Jahren Jaguar-Händler", sagt Norm Tompkins, Besitzer von San Jose British Motors in der Nähe von San Francisco, nach dem Lunch mit Tata. „In den ganzen Jahren der Zugehörigkeit zu Ford bin ich nie einem einzigen Ford-Manager begegnet."
Mit seiner Pilgerfahrt hat Tata bei den Händlern mächtig Eindruck gemacht. Die besorgten Vertreter der beiden Luxusmarken hat der 70-Jährige mit Warmherzigkeit und einem offenen Ohr anscheinend im Sturm erobert. „Ich wurde von meinem eigenen Vater nicht so umarmt wie von ihm", sagt Allen Aron, einer der Jaguar-Händler der ersten Stunde. Er lud Tata in seinen 55 Jahre alten Betrieb in Wilmette, Illinois, ein. Aron: „Er wird etwas aus Jaguar machen. Wir sind in guten Händen. Mein Sohn sieht jetzt hier seine Zukunft."
Kaum zwei Wochen nach dem Kaufabschluss hatte Tata Allen Aron und einige andere Jaguar- und Land Rover-Händler aus dem Raum Chicago zum Dinner in das örtliche Peninsula-Hotel geladen, um sich nach ihren Ideen und Wünschen für die Marken zu erkundigen. Der Chef und sein Sekretär machten sich Notizen. Die Händler baten den neuen Eigentümer um einen kleinen, offenen Jaguar-Sportwagen. Zudem brauche Jaguar ein neues Luxusauto, um mit der erstarkten VW-Tochter Bentley mithalten zu können. Tata nickte und schrieb es auf. Sein neuer Jaguar-CEO David Smith machte sich ebenfalls Notizen.
Am nächsten Tag kamen Tata und seine Begleiter zu Arons Autohaus. Der Händler besorgte noch schnell Tetley-Tee - die Marke Tetley gehört ebenfalls Tata. Während der Chef durch den Betrieb schlenderte, stellte Ravi Kant, sein Managing Director für die weltweiten Automobilaktivitäten, dem Händler einige Fragen. „Er wollte wissen, wie viele Techniker wir hier haben, wie hoch unsere Gewinnmarge bei Ersatzteilen ist und wie hoch der Prozentsatz der Betriebskosten, der von der Serviceabteilung übernommen wird. Können Sie sich den Chef eines Autoherstellers vorstellen, der um die ganze Welt reist, um sich mit mir über solche Details des Alltagsgeschäfts zu unterhalten? Und er hat sich meine Antworten notiert!"
Die Tata Group wird allerdings mehr als die Begeisterung der Händler benötigen, um Jaguar und Land Rover wieder auf Kurs zu bringen. Im Jahr 2002 verkaufte Jaguar 61.204 Fahrzeuge in den USA, im vergangenen Jahr waren es nur noch 15.683. Dabei hatte man unter der Ägide von Ford zwischenzeitlich sogar auf bis zu 100.000 Verkäufe pro Jahr gehofft. Der Absatz von Land Rover ist im gleichen Zeitraum zwar von 40.987 auf 49.550 Fahrzeuge gestiegen. Im laufenden Jahr verzeichnet der Geländewagenhersteller allerdings wegen der hohen Spritpreise ein Minus von 23,5 Prozent.
Neuer E-Type „interessant"
Sehr gut angenommen haben die Jaguar-Kunden die gerade eingeführte Limousine XF. Händler berichten, dass sie das gesamte XF-Kontingent für dieses Jahr schon verkauft haben. Für das nächste Jahr wird die Neuauflage des XJ erwartet. Die Pläne für das oft verlangte Cabriolet, ein Dauerthema seit 2001, liegen angeblich wieder auf dem Tisch. Doch die Herausforderungen für Jaguar und Land Rover sind gewaltig, denn sie konkurrieren mit den stärksten Marken weltweit: Mercedes, BMW, Lexus und Infiniti. BMW beispielsweise baut gerade eine Flotte von SUVs auf, die gegen Land Rover antritt.
Darüber hinaus kann der Konzernchef der neu erworbenen Luxusauto-Sparte kaum seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Das Firmenkonglomerat in Familienbesitz verfügt über 98 Unternehmen in sieben Geschäftsbereichen. Doch Tata plant offensichtlich Veränderungen: Die Nordamerika-Zentrale soll von Kalifornien, wo Ford sie platziert hatte, zurück zur Ostküste verlegt werden. Dort ist man den britischen Produktionswerken näher. Einem der von Tata besuchten Händler zufolge will Jaguar außerdem die italienische Designschmiede Pininfarina in die Arbeit für Jaguar einbeziehen. Tata-Offizielle konnten nicht erreicht werden, um diese Pläne zu bestätigen.
An der Westküste besuchten die neuen Eigentümer Händler in San Francisco. Die Gruppe wurde zum Lunch in das Campton Place-Hotel gebeten. Auch das war kein Zufall: Campton gehört zur Taj Hotels Resorts and Palaces Group, einer weiteren Holding von Ratan Tata. Beim Lunch sagte Jaguar-Chef Smith den Händlern von Land Rover, man wolle künftig das Fahrzeuggewicht senken und dadurch den Kraftstoffverbrauch verringern - möglicherweise durch den verstärkten Einsatz von
Aluminium.
Zwischen den Gängen bat ein Jaguar-Händler Tata, eine Neuauflage des E-Type in Betracht zu ziehen - jener britischen Sportwagen-Ikone der 60er-Jahre, die viele neue Kunden für die Marke begeisterte. Tata, so berichten die Teilnehmer der Runde, lächelte und nickte, als er den Vorschlag notierte: „Das wäre ein interessantes Projekt."