Die Automobilindustrie sucht händeringend IT-Experten. Gibt es Ihrer Einschätzung nach nicht genügend Studienplätze oder zu wenige Studieninteressenten?
Für die Studienrichtung IT-Automotive gibt es in jedem Fall genügend Interessenten. Daher haben wir auch eine sehr, sehr gute Auswahl an Studenten: Die Interessenten bewerben sich ja zunächst bei Unternehmen, die mit uns im dualen Studiensystem kooperieren. Die Unternehmen wählen also aus, wen Sie hier in den Studiengang schicken. Das sind demnach sehr gute Leute – und die werden natürlich in der Industrie auch immer gebraucht. Wir sind nun aber an einem Punkt, an dem wir die Ausbildungsmöglichkeiten bundesweit ausbauen müssen. Der Bedarf ist deutlich da.Ist es richtig, dass Absolventen mit halbwegs guten Abschlussnoten einen Arbeitsplatz so gut wie sicher haben?Absolventen der IT-Automotive brauchen eine kürzere Anlaufzeit in einem Automobilunternehmen, als Studenten der reinen Informatik. Unsere Studenten haben daher aufgrund der sehr guten Ausbildung auch sehr gute berufliche Perspektiven. Gleichzeitig muss man auch sagen, dass zum Beispiel die Regelungstechnik ein wirklich hartes Fach ist. Das kann man sich nicht nebenbei im Beruf aneignen, wie vielleicht einige kaufmännischen Dinge. Bei uns kommt natürlich noch hinzu, dass die Studenten über die Unternehmen zu uns kommen. Sie arbeiten also bereits in ihrem Unternehmen und verdienen Geld. Daher ist auch die Abbruchrate wesentlich geringer, als im Durchschnitt bei der Informatik in Deutschland.Welche Gründe für den Fachkräftemangel sehen Sie dann? Wurde von der Autoindustrie im Zusammenspiel mit der Wissenschaft verschlafen, in den letzten Jahren ausreichend Kapazitäten zu schaffen? Das würde ich nicht sagen. Wie gesagt, die Ausbildungsmöglichkeiten müssen weiter ausgebaut werden. Denn in jeder Ecke des Fahrzeugs versteckt sich heute Software. Dreißig bis vierzig Steuergeräte müssen in aktuellen Fahrzeugen programmiert und aufeinander abgestimmt werden – das Fahrzeug wird immer mehr zum rollenden Computer. Es darf dabei aber nicht passieren, dass auf der Autobahn auf einmal ein Bluescreen mit einer Fehlermeldung angeht, denn das kostet im Ernstfall Menschenleben. Und das passiert auch nicht, denn es wird ein erheblicher Aufwand betrieben. Dafür braucht die Autoindustrie viele gut ausgebildete Leute.Ist die IT nach wie vor eine Männerdomäne? Und was kann man auch als Hochschule machen, um weibliche Personen für das Fach zu gewinnen?Es ist nach wie vor so, dass der Großteil der Interessenten männlich ist. Wir waren da in letzter Zeit recht aktiv mit Aktionen wie dem „Girls Day“ oder Veranstaltungen an Schulen. Doch leider hat sich dadurch nicht viel geändert. Die Studiengänge haben bei uns die Stärke von 25 bis 30 Personen und darunter sind derzeit maximal drei oder vier Studentinnen. Die Studentinnen, die sich für uns entscheiden, schaffen es gleichzeitig auch meistens.Interview
Mittelständler gehen leer aus
IT-Professor Zoltán Zomotor von der Dualen Hochschule Baden Württemberg Stuttgart spricht in der Automobilwoche über den wachsenden Bedarf der Automobilbranche an Informatikern.
Welche Unternehmen bekommen den Fachkräftemangel in der IT besonders zu spüren, leidet ein Branchenriese wie Bosch ähnlich wie ein mittelständisches Unternehmen?
Konzerne der Kategorie Bosch, Daimler, Porsche ziehen die guten Leute an, denn sie sind sehr attraktiv. Der kleine Mittelständler auf der Schwäbischen Alb hat hingegen häufig Probleme überhaupt jemanden zu bekommen, geht eventuell leer aus. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass die guten Absolventen bei den großen OEMs und Zulieferern unterkommen.Absolventen mit guten Noten werden also richtig umworben?Richtig, die Top-Absolventen können sich im Prinzip den Arbeitgeber aussuchen, der ihnen am attraktivsten erscheint. Im Automobilbereich sind das meist die großen OEMs, denn die locken mit besonders spannenden Aufgaben in Forschung und Entwicklung.Mit welchem Interesse fangen die Studenten bei Ihnen in der IT-Automotive an? Wäre es nicht auch spannend, als IT-Experte die nächste Version von Grand Theft Auto zu programmieren? Mein Eindruck ist, dass die Studenten in der Regel gerne etwas Technisches studieren möchten, gerne in Richtung Auto, und dazu auch etwas mit Computern – und so kommen sie ganz natürlich auf die Studienrichtung IT-Automotive. Aber auch in Hinblick auf die Karrierechancen kann man sagen: Bei uns sind die Aussichten glänzend. Die Studenten kommen durch den Wegfall des Wehrdienstes und das G8-Schulsystem sehr jung zu uns, sind bereits im Unternehmen angestellt, bekommen ein ordentliches Gehalt und sind nach drei Jahren mit dem Bachelor bereits gut ausgebildet. Das heißt, dass sie mit Anfang 20 bereits mit Berufserfahrung auf den Arbeitsmarkt gehen. Damit haben unsere Absolventen den Studenten an anderen Unis etwas voraus.Das Interview führte Markus Bruhn.