München. Für gute Beziehungen ist VW kein Weg zu weit. Zur Verleihung des „Volkswagen Group Award 2008" etwa, mit dem Europas größter Autohersteller seine 15 besten Lieferanten außeichnet, lud Martin Winterkorn an die 200 Gäste nach Ibiza. Großer Dank, fand der Konzernchef auf der sonnigen Mittelmeerinsel warme Worte, gelte „den anwesenden Repräsentanten der diesjährigen Preisträger sowie deren Mitarbeitern rund um den Globus".
Letztere Ergänzung war offenbar mit Bedacht gewählt.
Denn weltweit unterhält der VW-Konzern mittlerweile Geschäftskontakte zu annähernd 26.000 Zulieferern. Von Sumitomo Electric Industries aus Japan über den tschechischen Lieferanten Edscha Bohemia bis hin zu Lydell/USA und Rane Engine Valve aus Indien liest sich die Liste der ausgezeichneten VW-Partner denn auch wie ein internationales Branchenbuch.
„Der Aufwand für die Logistik rund um die weltumspannenden Liefernetzwerke, die wir heutzutage unterhalten", räumte ein altgedienter VW-Manager vor Kurzem gegenüber Automobilwoche ein, „ist so immens, dass es bisweilen schwerfällt, den Überblick zu bewahren." Und die logistischen Anforderungen an Fahrzeughersteller, Zulieferer, Transportdienstleister und Händler würden „aufgrund der fortschreitenden Globalisierung des Autogeschäfts ganz sicher weiter steigen". Kein Wunder also, dass VW-Einkaufsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz auch von seinen Logistikpartnern „vor dem Hintergrund knapper Ressourcen und Kapazitäten besondere Leistungsfähigkeit in Form von Liefertreue und Reaktionsgeschwindigkeit" verlangt.
Zumal vor allem auf den Wachstumsmärkten Indien und Russland „kostengünstige Lösungen" laut Garcia Sanz immer wichtiger werden. Gefragt seien deshalb, heißt es in Wolfsburg, „flexible und damit ,atmende' Lieferantenbeziehungen sowie räumliche Nähe zu den Fertigungsstätten des Volkswagen-Konzerns".
Massive Verschiebungen der globalen Lieferströme erwarten auch die Consultants von PRTM. Für eine Studie hatten die Frankfurter jüngst weltweit 300 Führungskräfte schätzen lassen, wie viel Prozent aller Unternehmensfunktionen bis zum Jahr 2010 voraussichtlich aus dem jeweiligen Land des Befragten verlagert werden - und in welche Regionen der Erde. China wird demnach mit weitem Abstand das bevorzugte Zielgebiet darstellen, gefolgt von Indien und Osteuropa. Rapide zunehmen, das belegen weitere Kapitel der PRTM-Analyse, werden dabei das Outsourcing von Einkauf und Beschaffung sowie die Fremdvergabe verschiedener Planungsfunktionen rund um das Supply Chain Management.
Lagerhaltung für den Kunden
Dass die Logistik der Autobranche im Zuge ihrer immer engeren internationalen Verflechtung vor wachsenden Herausforderungen steht, gilt in der Wissenschaft als gesichert. „Neben den stark wachsenden Distanzen, die in den Lieferplanungen berücksichtigt werden müssen, erhöhen oft auch immense kulturelle Unterschiede innerhalb der Belegschaft die Komplexität einer globalen Logistikstrategie", bestätigt Professorin Katja Windt. Für die nähere Zukunft geht die Expertin der Jacobs University Bremen davon aus, dass „die vielen neuen Beschaffungs- und Absatzmärkte sowie Veränderungen bei den Kundenwünschen für eine nicht nachlassende Dynamik im Logistikwesen sorgen".
Was also können Autohersteller und ihre Zulieferer tun, um die Fülle der anstehenden Aufgaben zu meistern? Und wie gehen sie, ob Mittelständler oder Multi, dabei möglichst effizient vor? Der Spritzguss-Lieferant Franz Wolf, ein Betrieb mit 25 Mitarbeitern aus Kirchheim im Allgäu, setzt auf das Konzept „Kosteneinsparungen durch Transparenz". In Kooperation mit dem Global Player Bosch und auf Basis der Internet-Handelsplattform SupplyOn hat das Familienunternehmen vor zwei Jahren ein sogenanntes Vendor Managed Inventory (VMI) eingeführt. Dabei übernimmt ein Zulieferer unter anderem das Management des Kundenlagers - bis hin zur Disposition besonders eiliger Teilesendungen. Franz Wolf beliefert Bosch-Werke in Deutschland, den USA, Mexiko, Indien und China.
Mittels VMI kann der Zulieferer nun etwa Liefertermine und Losgrößen selbst festlegen und Zulieferaufträge sinnvoll bündeln, um Zeit und Geld zu sparen.
„Wir sind heute frühzeitig über die Bedürfnisse unseres Kunden informiert und können Produktionsprozesse und Kapazitätsauslastung viel genauer planen", freut sich Geschäftsführerin Petra Kaiser. Nicht minder bedeutsam: Die Transportfrequenz und -kosten konnte Franz Wolf mittlerweile massiv reduzieren.
Transport nach Übersee
„Wir brauchen Lieferanten, die weltweit präsent und wettbewerbsfähig sind", resümiert VW-Vorstand Garcia Sanz. Immerhin liegen mit China und Brasilien zwei der drei wichtigsten Absatzmärkte des Konzerns in Übersee. Für gute Kunden darf der Logistik folglich kein Weg zu weit sein.