München. Und als wäre diese Herausforderung nicht genug, sieht sich der Fachhandel neben einer zunehmenden Konkurrenz aus den Autohäusern auch einer aus dem Internet gegenüber. Erst vergangene Woche meldete der Online- Reifendiscounter Tyre24 nicht ohne Stolz, dass seine Server unter dem Kundenansturm beinahe in die Knie gegangen seien. Auch die im Internet gekauften Reifen belasten die Infrastruktur des Fachhandels, denn häufig werden sie in dessen Betrieben montiert. Dort fehlt dann allerdings die Marge aus dem Verkauf. „Wir haben zwei Flaschenhälse: Bühnenplätze und Arbeitskräfte“, sagt Point S-Geschäftsführer Rolf Körbler. Während die Zahl der Hebebühnen nun mal nicht zu erhöhen sei, gibt es bei den Arbeitskräften verschiedene Modelle. „Das üblichste und in unserer Kooperation am häufigsten genutzte Mittel ist, die Arbeitszeiten in dieser Phase zu verlängern“, sagt er. Die Überstunden könnten in den schwachen Phasen wieder abgebaut werden. Auch Aushilfen, die den Fachleuten zuarbeiten, werden genutzt. Saisonarbeitskräfte sind dagegen kein Thema. „Da fehlt es einfach am fachlichen Know-how“, sagt Körbler. Außerdem müssten die Mitarbeiter auch körperlich fit sein: „In der Hauptsaison hebt ein Reifenmonteur mehrere Tonnen am Tag.“
Peter Hülzer, geschäftsführender Vorsitzender des Reifenfachhandelsverbands BRV, warnt ebenfalls davor, sich nur auf Aushilfen zu verlassen, sonst drohe der Verlust des Qualifikationsbonus als Reifenfachhändler. Auch bei Euromaster werden verlängerte Arbeitszeiten genutzt, zudem rund 500 Zeitarbeitskräfte in der Saison, wie Geschäftsführer Matthias Schubert sagt. Auch hier arbeiten sie in der Regel zu. Bei der Michelin-Tochter erhöht man außerdem durch genau definierte Prozesse die Bühnentaktung auf vier Termine pro Stunde. Außerhalb der Saison ist die Hälfte davon normal. Während der Saison richtet Euromaster jedes Jahr ein zentrales Callcenter mit rund 100 Mitarbeitern ein, das Termine aufnimmt und direkt in die Buchungssysteme der einzelnen Betriebe einträgt. Diese Entlastung der Betriebe vor Ort ist auch dringend nötig. „Wir hatten vergangenes Jahr am Spitzentag mehr als 100.000 Anrufe. Das ist selbst mit einem Callcenter kaum zu bewältigen“, sagt Schubert. Vor Beginn der Hauptsaison wird vom Callcenter aus auch versucht, Kunden anzurufen und zu einer rechtzeitigen Terminvereinbarung zu bewegen, um die Saison zu entzerren. In diesem Jahr hat Euromaster zusätzlich im September einen Rabattcountdown gefahren – mit Erfolg, wie Schubert sagt. Man habe im Reifengeschäft 32 Prozent über dem Vorjahresmonat gelegen, im Autoservicegeschäft, das ja oft vom Reifenwechsel profitiert, sogar um 40 Prozent. „Da waren einige Neukunden, aber auch viele Stammkunden dabei. Das schafft Luft im Oktober und November.“ Körbler sieht solche Sonderangebote dagegen kritisch. „Eine Rabattschlacht in der Branche wäre nicht sinnvoll. Da gibt es ein gutes Beispiel aus der Baumarkbranche“, sagt er in Anspielung auf die Praktiker-Insolvenz. Am Ende reichen alle Entzerrungsversuche, Arbeitszeitverlängerungen und Zeitarbeit nicht aus, um die Schwankung des reinen Reifengeschäfts auszugleichen. Wie auch? Schließlich wurden im vergangenen Jahr im Oktober fast fünfmal so viele Reifen verkauft wie im Januar, Februar oder Juni. Um die vorhandenen Kapazitäten nicht brachliegen zu lassen, setzen viele Betriebe auf Geschäftsfelder wie Autoservice, Autoglas oder Smart Repair. Auch Hülzer berichtet von einem steigenden Anteil des Autoservice. Bei Point S gibt es rund 200 Standorte, die das Servicegeschäft intensiv vorantreiben. Die Kooperation unterstützt sie dabei mit Schulungen von der Warenbeschaffung bis zum Coaching vor Ort. Die Kosten für die nötigen Investitionen sieht Körbler im fünfstelligen Bereich. Zudem sei es „ein langer Weg, weil die Mitglieder vor Ort oft das Image des Reifenhändlers haben“. Mit der Zeit werde es aber angenommen. Bei manchen Betrieben liege der Nicht-Reifenumsatz schon über dem mit Reifen. Insgesamt wachse der Servicebereich.Auch bei Euromaster zieht der Service kräftig an. Rund 30 Prozent betrage die Wachstumsrate hier, sagt Schubert, fügt aber hinzu, dass man dort auch von einem niedrigen Niveau komme. Richtig systematisch arbeite man erst seit einigen Jahren am Servicegeschäft. „Wir sind noch weit davon entfernt, unser Potenzial auszuschöpfen.“ Im Geschäft mit Endverbrauchern komme schon heute ein Drittel der Marge aus dem Service, auf Dauer werde man sicher 50 Prozent erreichen. Zwar wird im Service mehr verdient als im Reifenhandel, doch gerade deshalb ist kaum zu erwarten, dass die Werkstätten und Autohäuser einen Teil des Werkstattgeschäfts so einfach dem Reifenhandel überlassen. Und dann gibt es noch ein weiteres Problem: Eigentlich ließen sich die Serviceleistungen am besten verkaufen, wenn die Kunden wegen des Reifenwechsels ohnehin in die Betriebe kommen. Und damit fängt das Dilemma wieder von vorn an.Lange Ruhe, kurzer Sturm
Jetzt geht es wieder los: Kaum tauchen auf den Wetterkarten die ersten Schneeflocken auf, stehen die Telefone bei den Reifenhändlern nicht mehr still. Millionen Kunden wollen dann neue Winterreifen, und das am liebsten gestern. Für die Betriebe und ihre Mitarbeiter bedeutet das Stress, denn die extreme Saisonalität des Reifengeschäfts führt zu einem nur schwer aufzulösenden Dilemma: Passt der Handel die personellen und räumlichen Kapazitäten auf die Stoßzeiten an, droht monatelanger Leerlauf mit entsprechenden Kosten. Setzt er die Kapazitäten dagegen niedriger an, lässt sich zwar im Sommer Geld sparen, doch in der Hochsaison kommt es dann zu Engpässen und Umsatzausfall.