München. FDP-Chef Guido Westerwelle sollte gar nicht erst lang überlegen, weshalb er derzeit für Aussagen geprügelt wird, die geradezu selbstverständlich sind. In seinem Fall gilt die gleiche irreale Begründung wie für das im Moment ebenso weitverbreitete "Toyota-Bashing“: Er war einfach fällig. Für alle, die das nicht verstehen, kann ich aus meiner Erfahrung als Journalist bei großen Zeitungen (Bild am Sonntag, Welt am Sonntag, Financial Times Deutschland) gerne etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Das fängt schon damit an, dass es Journalisten vor allem bei sogenannten "kritischen Medien“ nicht ertragen, über Personen, Parteien oder Unternehmen stets nur Positives zu berichten. Da muss es doch ein Haar in der Suppe geben! Der Chefredakteur eines großen Wirtschaftsmagazins eröffnete jahrelang Redaktionskonferenzen mit der Frage, ob es nicht endlich Anzeichen für den bevorstehenden Niedergang von Porsche gebe. Er bekam seine Story.
Dann will auch niemand ein großes Thema verschlafen. Also gilt es, auf jeden Zug mit möglichst vielen Reportern aufzuspringen, bevor er zu schnell geworden ist. Jeder will also die noch größere Story als das Konkurrenzblatt. Das führt bei Skandalen wie bei Skandälchen zu einem Selbstverstärkungseffekt, der schon aus mancher fiebrigen Erkältung eine Pandemie gemacht hat. Deshalb beginnt jeder Chefredakteur dieser Tage die Redaktionssitzung mit der Frage: Was gibt es Neues bei Westerwelle/Toyota? Und wehe dem zuständigen Reporter, der darauf keine aufgeregte Antwort hat. Also müssen mindestens ein Dutzend Rücktrittsforderungen oder 34 mögliche Unfalltote her. Darunter setzt sich die Druckerpresse gar nicht mehr in Bewegung. Wer einmal in diese Mühle geraten ist, kann sich Gegenmaßnahmen getrost schenken.
Westerwelle könnte über das Wasser laufen, die Süddeutsche Zeitung – Zentralorgan des linkspopulistischen Zeitgeistes – würde am nächsten Morgen titeln: Der FDP-Chef kann nicht schwimmen! Ist es bei der Automobilwoche anders? Ich hoffe schon. Wir springen nicht auf jeden Zug. Um die Toyota-Story jedoch kommen wir nicht herum. Egal wie groß die technischen Probleme wirklich sind – ich halte sie für marginal – die Skandalisierung dürfte das Unternehmen nachhaltig schädigen.