München. Hat sich die deutsche Automobilbranche eigentlich schon bei den Stuttgart-21-Gegnern bedankt? Das sollte sie aber. Zumindest ein paar Kisten Bordeaux – für viele Grüne und ihre bürgerlichen Mit-Protestierer ohnehin das Getränk der Wahl – müssten sich VDA, ZDK und VDIK die Schützenhilfe schon kosten lassen. Schließlich sorgen die Bahnhofsgegner dafür, dass sich die Vier-Milliarden-Investition in den neuen Stuttgarter Bahnhof und den Anschluss der Stadt an das europäische Schnellbahnnetz zumindest verzögert, wenn sie nicht sogar ganz verhindert wird. Damit bleibt das Auto also das bevorzugte Verkehrsmittel, um von Stuttgart aus schnell in die nächstgelegenen Großstädte und Ballungszentren zu kommen.
Auf den zweiten Blick verwundert es nicht weiter, dass ausgerechnet von vielen Bürgern der baden-württembergischen Hauptstadt ein so verbissener Kampf gegen ein Bahnprojekt geführt wird. Bis auf Wolfsburg dürfte keine andere Stadt so sehr vom Auto abhängig sein. Vor allem die Stärke von Unternehmen wie Daimler, Bosch, Porsche, Dürr, um nur einige zu nennen, hat der Region eine extrem niedrige Arbeitslosenquote und einen sehr hohen Lebensstandard beschert. Dass man dort Milliardeninvestitionen in ein Bahnprojekt sehr kritisch sieht, sollte doch wirklich nicht weiter überraschen. Das ganze erinnert ein wenig an die Geschichte der Straßenbahn von Los Angeles, die angeblich von einem Konsortium amerikanischer Autohersteller, Reifen- und Ölfirmen gekauft und dann geschlossen wurde, um den Verkehr zurück auf die Straße zu bringen – auch wenn diese Story sehr nach den üblichen Verschwörungstheorien klingt.
Aber nun Ironie beiseite: Natürlich ist der Protest gegen Stuttgart 21 für die Autobranche und andere Industrien kein Grund zum Feiern. Stuttgart, eine der reichsten Regionen Deutschlands, hat den hässlichsten Bahnhof, den ich kenne. Dessen Abriss sollte schon aus ästhetischen Gründen außer Frage stehen. Das Problem ist aber ein anderes: Sollte Stuttgart 21 nicht gebaut werden, wird sich in Deutschland kein großes Infrastrukturprojekt mehr durchsetzen lassen – keine Flughafenerweiterung, keine Autobahn, kein Stromnetz, keine Schnellbahntrasse. Deutschland wird zu einer Art Museum. Was daran schlecht ist? Leider kann man Industrie-Arbeitsplätze nicht unter Denkmalschutz stellen…