München. Es ist eine trostlose Zeit für die Autobranche: Vor der IAA in Frankfurt demonstrieren Umweltschützer und hindern Besucher am Zutritt – obwohl BMW dort ein schickes Elektroauto zeigt. Der Autoabsatz im Land liegt weit unter den früheren Rekordzahlen. In München zieht ein Bürgermeisterkandidat mit dem Slogan "Das Auto mordet unsere Städte“ in den Wahlkampf. Immer mehr Menschen fordern ein Tempolimit auf Autobahnen. Das ist nicht etwa der Jahresausblick eines Pessimisten, sondern die Beschreibung der Situation 1972 und 1973. Jeder Autohersteller fand seine Antwort auf diese Krise. Bei Daimler-Benz war es der damalige Pkw-Entwickler und spätere Vorstandschef Werner Breitschwerdt, der ein sichtbares Zeichen des Umdenkens setzte und die S-Klasse mit dem Werkscode W126 entwickelte. Die von Bruno Sacco gezeichnete schlanke Limousine wurde zum Klassiker der Moderne. Erstmals musste ein Mercedes einen geringeren Luftwiderstand haben, leichter sein und weniger verbrauchen als sein Vorgänger. Dieses und ähnliche Produkte – VW kam 1976 mit dem Golf Diesel – brachten die meisten Autokritiker zum verstummen.
Autos durften weiter in die Innenstädte, das Tempolimit war kein Thema mehr. Man kann ziemlich genau datieren, wann Mercedes und ein großer Teil der Autobranche von diesem Weg abkamen und gesellschaftlich ins Abseits fuhren: 1987. Breitschwerdt, dem Mercedes dann noch den 190er verdankte, wurde als Daimler-Vorstandschef von einer Truppe unter Edzard Reuter und Werner Niefer abgelöst, unter deren Fehlentscheidungen das Unternehmen noch heute zu leiden hat.
Die Versuchung ist groß, sich zu fragen: Was wäre gewesen, wenn Mercedes nach 1987 den eingeschlagenen Weg weiterverfolgt hätte? Doch stattdessen entwickelten die Stuttgarter mit dem W140 ein übergewichtiges Auto, das vor allem Überheblichkeit und Ignoranz ausstrahlte. Dieter Zetsche kann man glauben, dass er und das gesamte Unternehmen aus der Geschichte gelernt haben: Neue Modelle müssen nun wieder leichter, effizienter, sparsamer sein als die Vorgänger. Daimler will das Auto nach 125 Jahren neu erfinden und damit die Kritiker ein weiteres Mal zum Verstummen bringen. Wenn das gelänge, wäre das ein echter Grund zum Feiern – und ein schönes Geburtstagsgeschenk.