München. „Die schwierigsten Monate dürften April und Mai sein, und weiter wird alles von der makroökonomischen Lage abhängen“, befürchtet Oleg Mosejew, der stellvertretende Präsident des russischen Händlerverbands Rossijskije Avtomobilnyje Dealeri (ROAD). „Theoretisch könnten 1000 Händlerbetriebe schließen und an die 100.000 Menschen ihre Arbeit verlieren.“ Bei einer Händlerkonferenz in Moskau gaben vor wenigen Tagen Experten schockierende Prognosen. So rechnet Sergej Litwinenko vom Beratungsunternehmen PwC für 2015 im besten Fall noch mit 1,75 Millionen Neuzulassungen, im schlechteren Fall mit 1,52 Millionen. Sergej Zelikow, Direktor des Marktanalyseunternehmens Autostat, ging sogar noch eine Etage tiefer mit seiner Einschätzung: Im schlimmsten Fall werde der Markt in diesem Jahr nur noch 1,17 Millionen Neuwagen groß sein, warnte er. Bestenfalls hält er 1,64 Millionen Pkw für möglich. Kein Wunder, dass viele Händler vor existenziellen Problemen stehen. Der Verband hat die Hersteller deshalb nachdrücklich gebeten, die Standards und Anforderungen in der Krisenzeit zu reduzieren. Viele Autohändler wollen sich verstärkt dem Gebrauchtwagenhandel widmen. ROAD hat der Regierung Maßnahmen vorgeschlagen, die den Verkauf von Autos aus zweiter Hand über den Autohandel unterstützen sollen. Den Herstellern ist die bedrohliche Lage ihrer Netze bewusst, doch ihre Möglichkeiten zur Unterstützung sind begrenzt. Praktisch alle Autobauer sahen sich zu Preiserhöhungen gezwungen, um nicht noch mehr beim Verkauf eines Fahrzeugs draufzuzahlen. Die Preiserhöhungen fielen sehr unterschiedlich aus. Hyundai und Kia, die Nummer zwei und drei der ausländischen Anbieter im russischen Markt, erhöhten ihre Preise nur wenig – und wurden mit dieser Strategie bisher auch durch einen eher geringen Absatzrückgang belohnt. Mehrere Hersteller straffen zurzeit ihre Modellpalette und verschieben die Einführung neuer Modelle. So will etwa Škoda erst im dritten Quartal mit dem Verkauf des neuen Fabia beginnen. Renault und Ford dagegen versuchen, mit besonders günstigen Modellen zu punkten. „Wir verkaufen immer noch die Vorgängergeneration des Logan und haben auch entschieden, den Sandero Stepway in einer günstigeren Variante anzubieten“, sagte die für die Region zuständige Renault- Verkaufs- und Marketingchefin Fabrice Cambolive der Automobilwoche. Zudem biete Renault den Händlern bessere Finanzierungsbedingungen an. „Das Hauptanliegen ist aber die Anpassung der Produktionszahlen“, sagt auch Cambolive. Ford erweitert sein Angebot ebenfalls nach unten. Der zuletzt nicht angebotene Fiesta kehrt noch in diesem Jahr als lokal gebautes Einstiegsmodell mit deutlichem Lokalanteil zurück. Neben dem Hatchback wird im Ford Sollers- Werk in Nabereschnyje Tschelny auch die in Westeuropa unbekannte Stufenheckversion entstehen.
Autohandel in Russland
Kampf ums Überleben
Die Autohändler in Russland leiden noch stärker als die Hersteller unter der Absatzkrise – denn sie haben kaum Möglichkeiten, ihre Fixkosten zu senken oder in neue Märkte vorzustoßen.