Peking. 160.000 Testkilometer über schlechteste Straßen, 70 Grad Hitze, 30 Grad Frost – erst wenn danach alles noch funktioniert, auch die Abgasanlage weiter den Euro-5-Grenzwerte einhält, bekommt der Mercedes GLA seine Zulassung für den chinesischen Markt. „Fahrzeuge aus lokaler Fertigung werden härter getestet als Importautos. Qualität spielt in China eine große Rolle. Da will das Land State of the Art sein“, sagt René Reif, Entwicklungs- und Produktionschef bei Beijing Mercedes-Benz.
Derzeit wird in einem der drei Werke des Joint Ventures am Stadtrand von Peking die Produktion des Kompakt- Geländewagens GLA vorbereitet. Noch wichtiger ist jedoch die lang erwartete, verlängerte neue C-Klasse, die wesentlich besser dem chinesischen Kundengeschmack entspricht als das Vorgängermodell mit normaler Länge: „59 Arbeitstage bis Produktionsstart“, steht auf einem Schild im Werk, dann wird die Modellreihe V205 – „V“ für „verlängert“ – in den Wettbewerb um die Kunden geschickt. Das Spiel um die Premium-Krone in China geht in die Verlängerung. Die Expansion der Werke ist Teil des vier Milliarden Euro umfassenden Investitionsplans, mit dem Daimler derzeit die Produktionskapazitäten in Peking auf 200.000 Fahrzeuge verdoppelt. Neben zwei voll ausgestatten Fahrzeugfabriken wächst auch das Motorenwerk, das erste außerhalb Deutschlands für Daimler. Hier entstehen Vier- und Sechszylindermotoren nach neuestem Standard. Die Stuttgarter sind spät, erst 2006, mit einer CKD-Montage in den mittlerweile größten Automarkt der Welt gestartet – und suchen nun den Rückstand auf Audi und BMW mit einem Kraftakt zu verkleinern. „Die Bedeutung Chinas für uns wird weiter steigen“, sagt Vorstandschef Dieter Zetsche. Bis 2015 soll der Mercedes-Absatz von 211.000 auf 300.000 Fahrzeuge wachsen, davon 100.000 Importautos. Damit wird China für die Marke wichtiger als Deutschland. Im ersten Quartal ist Mercedes zwar doppelt so schnell gewachsen wie Premium-Marktführer Audi, doch verkaufen die Ingolstädter in China nach wie vor doppelt so viele Autos wie die Stuttgarter. Und auch BMW liegt deutlich vor Mercedes. Obwohl sich das Wirtschaftswachstum Chinas im ersten Quartal auf 7,4 Prozent abgekühlt hat, wächst der Automarkt dort noch immer zweistellig, der Premiummarkt sogar mehr als doppelt so schnell – trotz der Diskussion um verstopfte Straßen und den Smog über Peking und anderen chinesischen Millionenstädten. „Ich kann keinen Zusammenhang erkennen zwischen dem Smog in China und modernen Euro-6-Fahrzeugen“, sagt Zetsche trotzig. Tatsächlich besteht die Dunstglocke, die an vielen Tagen über Peking hängt, vor allem aus Ruß und Schwefeldioxyd. Wenig bis nichts davon kommt aus dem Auspuff moderner Benzin-Pkw. Doch Staus und Parkplatznot lassen sich nicht wegdiskutieren. In Peking werden neue Nummernschilder deshalb verlost, in Schanghai für viele Tausend Euro versteigert. Doch bei Mercedes weiß man aus Erfahrung: Auch in gesättigten Märkten wächst das Premiumsegment. Und das Riesenreich ist noch lange nicht gesättigt: Das 341 Betriebe große Mercedes-Händlernetz soll in diesem Jahr um 100 weitere wachsen. 40 der neuen Stützpunkte entstehen in Städten, wo Mercedes bisher nicht vertreten war. „Sogar in Lhasa haben wir jetzt einen Händlerbetrieb“, sagt Hubertus Troska, China-Chef von Daimler. Denn auch in Tibets 500.000-Einwohner- Hauptstadt wächst der Wohlstand. Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt kann Daimler- Chef Zetsche genauso wenig beunruhigen wie der Vorwurf, Mercedes wachse derzeit vor allem mit den margenschwachen Kompaktfahrzeugen der Frontantriebsplattform: „Wir wachsen überall, nicht nur in der Kompaktklasse“, so Zetsche. Zudem sei die Profitabilität der neuen Modelle deutlich höher als bei der Vorgänger- Baureihe. Das dürfte insbesondere für das Kompakt-SUV GLA gelten, das damit auch den finanziellen Belastungstest bestanden hätte.