München. Die Fahrerassistenzsysteme von Jaguar Land Rover bekommen den sechsten Sinn. „Mit dem Forschungsprojekt ‚Sixth Sense‘ greifen wir auf modernste Verfahren und Technologien aus dem Sport, der Medizin sowie der Luft- und Raumfahrt zurück“, sagt Wolfgang Epple, Leiter der Forschung und Entwicklung bei Jaguar Land Rover (JLR). „Ziel ist es, damit die Stressbelastung, Ermüdung oder Konzentrationsschwächen des Fahrers zu erkennen.“
JLR gibt Autos den sechsten Sinn
Das britische Entwicklerteam erforscht, wie die Zeitspanne verkürzt werden kann, in der der Fahrer seine Augen nicht auf der Straße hat. Selbst wenn er auf die Straße schaut, kann es sein, dass der Fahrer wegen mangelnder Konzentration oder eines Tagtraums nicht aufmerksam genug ist. Die Folge: Er übersieht ein Hinweisschild, überhört einen Warnton oder nimmt einen anderen Verkehrsteilnehmer nicht wahr. „Deshalb prüfen wir, wie sich diese Negativfaktoren identifizieren und verhindern lassen“, sagt Epple. Bei JLR wird getestet, ob das Lenkrad oder die Pedale vibrieren sollen, um den Fahrer wieder aufmerksamer zu machen.
Zudem will JLR aber auch die Hirnströme des Fahrers erfassen und daraus Handlungen ableiten. Denn das menschliche Gehirn erzeugt permanent vier oder mehr verschiedene Hirnströme auf verschiedenen Frequenzbändern. Indem man überwacht, welcher Hirnstrom gerade dominiert, kann ein Bordcomputer ermitteln und abschätzen, ob der Fahrer gerade voll konzentriert, abgelenkt oder schläfrig ist.
Üblicherweise werden Hirnströme mit einem Stirnband und am Kopf angebrachten Elektroden gemessen. Für das Auto im Alltag ist das eher untauglich. Das Entwicklerteam von JLR greift gemeinsam mit Neurowissenschaftlern auf Verfahren der NASA und des US-Bobsport-Teams zurück: Die Sensoren zur Hirnstrommessung werden im Lenkrad untergebracht.
Zudem erforschen die Entwickler das Wohlbefinden des Fahrers über Sensoren im Fahrersitz. Ursprünglich wurden diese Sensoren für Krankenhäuser entwickelt. Im Jaguar XJ messen sie nun den Herzschlag und die Atmung des Fahrers und entdecken so Krankheits- oder auch Stresssymptome. Ist das Stressniveau zu hoch, kann das Auto dem selbsttätig entgegenwirken – zum Beispiel, indem das Licht, die Musik oder das Innenraumklima verändert werden.
Das Gaspedal soll künftig der direkteste Draht zum Fahrer sein: Eine Vibration des Pedals macht ihn etwa darauf aufmerksam, dass er zu schnell fährt. „Wir wollen verhindern, dass der Fahrer durch immer mehr Anzeigen und Warntöne abgelenkt wird. Deshalb suchen wir nach anderen Wegen der Kommunikation zwischen Auto und Piloten. Mit dieser nicht visuellen Kommunikationslösung kann der Fahrer schneller als sonst Entscheidungen treffen“, sagt Epple.