Gaydon/Stuttgart. Wo man bislang Schalter oder Hebel berühren musste, sollen künftig Sensoren und Kameras die Bewegung der Hand erfassen und daraus die entsprechenden Kommandos ableiten: Statt mit einem Drehknopf einen Radiosender zu suchen, muss man vor der Mittelkonsole nur noch die offene Hand drehen. Die einzelnen Musiktitel eines MP3-Albums winkt man buchstäblich weiter, als würde man durch ein Buch blättern. Grafikinhalte verschiebt man per angedeutetem Handstreich auf unterschiedlichen Monitoren. Und je weiter sich die Hände vom Lautsprecher entfernen, desto leiser wird die Musik.
Schon heute arbeitet etwa das Multimedia-System in VW Golf und Passat mit Näherungssensoren und blendet die Menüleisten erst ein, wenn der Fahrer seine Finger in die entsprechende Richtung streckt. Lichtschalter bei Jaguar oder Land Rover reagieren bereits ohne direkten Kontakt. Und bei immer mehr Kombis oder Geländewagen schwingen die Heckklappen wie von Geisterhand auf, wenn der Fahrer mit dem Schlüssel in der Tasche seinen Fuß unter dem Sensor im Stoßfänger schwenkt.
Aber das ist nur der Anfang, sagt Wolfgang Epple, der die Forschung bei Jaguar und Land Rover leitet: „Schon heute haben wir im neuen Range Rover die Zahl der Schalter und Knöpfe um über 50 Prozent reduziert. Und dieser Trend wird weitergehen“, ist er überzeugt. Als Vorbild nennt er die Verbraucherelektronik: „Die meisten Leute wissen, wie man ein Smartphone oder ein Tablet bedient. Daher werden diese Systeme mehr und mehr mit dem übrigen Bedienumfeld verschmelzen und die Innenräume künftiger Fahrzeuge deutlich vereinfachen“, sagt Epple.
Für ihn ist die Geste die weitaus intuitivere Bedienform als das Drücken oder das Drehen eines Knopfes. Auch Dörte Eimers-Klose, bei Bosch Car Multimedia zuständig für Entwicklung, glaubt an den baldigen Durchbruch solcher Technologien: „Schon von 2016 an werden wir die Gestensteuerung im Fahrzeug in einem größeren Stil erleben.“ Zwar sehen Entwickler und Designer in der Gestensteuerung große Vorteile, weil sie intuitiv ist und obendrein ein aufgeräumtes Armaturenbrett ermöglicht.
Doch der Königsweg fürs Cockpit der Zukunft ist sie nicht, sagen die Experten: „Die Technik taugt nur für einfache Aufgaben und simple Kommandos“, sagt Bosch-Managerin Eimers-Klose: „Lauter und leiser, ja oder nein, links oder rechts – das alles kann man mit einem Wischen oder Winken entscheiden. Aber für die Eingabe eines Navigationsziels oder eines Namens aus dem Adressbuch brauchen wir auch weiterhin Dreh- Drück-Steller, Touchscreens und -pads und die Sprachsteuerung.“
Guido Meier-Arendt, Ergonomie- Experte des Zulieferers Continental, will selbst simple Aufgaben nicht komplett an die Gestensteuerung übertragen. „Manche Bedienhilfen wie der Lenkstockhebel für den Blinker oder der Lenkradtopf für die Hupe sind den Autofahrern so sehr in Fleisch und Blut übergangen – warum sollten wir da etwas ändern?“